“Der UEFA-Cup ist immer drin…”
Am Dienstag habe ich dem Fußballradio 90elf ein Interview zum FC und der aktuellen Situation gegeben. Hier gibts die sieben Minuten nochmal zum nachhören, über Kommentare freue ich mich natürlich:
Interview auf dem: 90elf-BOLZPLATZ
Warum das Spiel in Bochum ein Fortschritt war
Eine “müde Nullnummer” bei einem Abstiegskandidaten. So kann man das Spiel vom letzten Freitag sehen. Und man kann auf den FC uns sein aktuelles Team weiter eindreschen. Muss man aber nicht, ich jedefnfalls war völlig zufrieden mit dem Spiel. Und zwar aus folgenden Gründen:
1. Das Team hat agressiv gespielt, niemand hat sich hängen lassen, der Einsatz war 100% in Ordnung. Auch ein Nova hat trotz der Querelen alles gegeben und über das Kämpferherz eines Fabrice Ehret muss man eh keine Worte mehr verlieren.
2. Die Jungs haben Bochum früh gestört und unter Druck gesetzt, ohne gefährlich Konter zuzulassen. Das spricht für eine sehr gute Organisation.
3. Der FC hatte klare Tormöglichkeiten (Petit, Nova), es fehlten nur Millimeter zum Sieg. Das war ein Stück weit Unvermögen, noch mehr aber einfach Pech. So Dinger gehen an anderen Tagen rein, daher ist es ein gutes Zeichen sich solche Chancen erarbeitet zu haben.
Aber das wichtigste:
4. Der FC hat versucht Fußball zu spielen! Zuletzt wurde das nicht einmal versucht, weswegen man sich zB für die 3 Punkte in Berlin beinahe schämen musste. Jeder Ball wurde lang nach vorne gekloppt. Ein geordneter Spielaufbau war nicht vorhanden, weil das Team diesen gar nicht wollte. Selbst wenn man Platz hatte. Dodo am Ball – BUMM!! Rückpass zu Mondy – BUMM!! Das hatte nichts mir Fußball zu tun, sondern war ein noch schlimmeres Gebolze als unter Christoph Daum. Das war gegen Bochum besser. Zwischendrin gab es Versuche eines Spielaufbaus über Petit, Maniche und Pezzoni. Und siehe da: Es tat gar nicht weh. Wenn die Jungs aus dem Spiel den Gedanken mitnehmen, dass man Fußball auch spielen kann, es nichtmal ein Nachteil sein muss, dann bin ich guten Mutes für das Spiel gegen Bremen.
Die einmalige Chance
Vorbemerkung 1: Ich finde es gut, wenn Michael Meier und Zvonimir Soldo alles tun, um den FC nach vorne zu bringen.
Vorbemerkung 2: Mir liegen Nationalmannschaften nicht sonderlich am Herzen, Nationalstolz halte ich mitunter sogar für ein Problem.
Nun ist die Lage wohl so, das unser FC-Kapitän Milivoje Novakovic in der kommenden Woche unbedingt zu seiner Nationalmannschaft reisen möchte. Slowenien, derzeit auf Platz zwei seiner WM-Qualifikationsgruppe, spielt beim Tabellenführer Slowakei. Dummerweise ist Nova derzeit verletzt und kann am Samstag gegen die Bayern nicht für den FC auflaufen. Ob er eine Woche später für Slowenien spielen kann steht in den Sternen. Daher setzen ihn Meier und Soldo unter Druck und verlangen, dass er auf die Reise verzichtet. Der Boulevard springt auch gleich bei – “Novakovic tanzt dem FC auf der Nase herum” – und berichtet, dass Meier ihm die Kapitänsbinde entziehen will, wenn er die Reise nicht absagt.
So weit, so schlecht. Denn überlegen wir uns doch mal was passieren wird. Slowenien, ein Land mit etwa so vielen Einwohnern wie West-Berlin, hat die Chance sich für die WM in Südafrika zu qualifizieren. Ein Sieg in der Slowakei würde Platz zwei so gut wie sicher machen, Platz 1 wäre noch möglich. Es ist absehbar, dass sich dem Land eine solche Chance so bald nicht wieder bieten wird. Geschweige denn dem Fußballer Novakovic (30). Unabhängig davon, ob Novakovic nun übermäßig stolz darauf ist, ein Slowene zu sein und für sein Land zu spielen, ist nur allzu verständlich, dass Novakovic diese Chance nutzen will. Was gibt es größeres für einen Fußballer, als bei einer WM dabei zu sein? Es mag aus einer deutschen Perspektive vergleichsweise normal sein, aber für viele überragende Fußballer erfüllt sich dieser Traum niemals. Man frage nur Ryan Giggs was er dafür gegeben hätte, nur ein Mal bei einer WM dabei sein zu dürfen. So eine Gelegenheit für Novakovic kommt nie wieder, daher wird er die Reise zur Nationalmannschaft antreten. Sogar unabhängig davon, ob er in acht Tagen auch spielen wird. Und das ist nur allzu verständlich.
Was wird noch passieren? Novakovic wird sich in Köln unverstanden fühlen. Nimmt man ihm das Amt des Mannschaftskapitäns wird er erst recht gekränkt sein. Und das ist für seine weitere Entwicklung beim FC sicher keine gute Sache. Man sollte ihn also fahren lassen und sagen: “Nova, pass auf dich auf, wir brauchen dich hier beim FC. Also mach keinen Blödsinn. Ach ja, und toitoitoi natürlich.”
Im übrigen stelle ich mir schon folgende Situation vor: Deutschland verliert in Moskau und muss in die Relegation gegen – sagen wir ruhig mal Slowenien. Lukas Podolski ist angeschlagen, die Wade, er hat das letzte Spiel für den FC verpasst. Nun will er trotzdem zur Nationalmannschaft reisen und hofft auf einen Einsatz in dem wichtigsten Spiel des Jahres. Würde ihn nun Michael Meier zu sich zitieren und versuchen ihm das mithilfe von Drohungen auszureden? Würde der Boulevard schreiben, Poldi tanze dem FC auf der Nase rum? Würden die Fans entrüstet fragen, wer denn – bitteschön! – sein Gehalt zahlt?
Fehler bei der Kaderplanung?
Das erste Saisonspiel ist gespielt und der FC hat keinen Punkt geholt, nichtmal ein Tor geschossen. Das klingt schlecht. Ist es auch. Aber ist es auch ein Grund zur Beunruhigung? Ja, findet Christian Löer von Kölner Stadtanzeiger. Seinen Kommentar fast folgender Satz zusammen: “Dennoch war dieses 0:1 zum Ligastart kein Pech. Sondern das Ergebnis von Fehlern bei der Kaderplanung.”
Ist das so? Zugegeben, das aktuelle Verletzungpech (Novakovic, Geromel, Podolski) offenbart, dass der FC nicht 22 gleichwertige Spieler hat. Und man kann ihm daher auch nicht widersprechen wenn er sagt, dass der Kölner Kader sehr dünn besetzt ist, offensiv wie defensiv. Ein Fehler ist es dennoch nicht.
Artikulierte Strategie des FC-Führung ist seit einiger Zeit: “Qualität vor Quantität”. Dafür stehen vor allem die Neuzugänge Podolski und Maniche. Und das ist auch richtig so. 22 gleichwertige Spieler im Kader zu haben ist nur möglich, wenn man insgesamt qualitative Abstriche macht. Oder aber Bayern München heißt – und selbst dann ist es nur die halbe Wahrheit. Die Erfolgschancen eines Teams gespickt mit überdurchschnittlichen Bundesligaspielern sind allemal höher, als wenn man nur auf solide “Massenware” setzt. Natürlich sollten nicht alle Leistungsträger zugleich ausfallen. Aber dieses Risiko muss man in Kauf nehmen, wenn man den Verein voranbringen will.
Die Niederlage in Dortmund ist daher – wie jede Niederlage – ärgerlich. Aber kein Grund zur Beunruhigung und auch kein Grund die Personalpolitik von Manager Michael Meier nach nur einen Spiel zu kritisieren. Zumal unter dem Ausfällen keine Langzeitverletzten (mehr) sind.
“Da hatte ich irgendwie Mitleid”
Als FC-Fan hat man ja ein klares Koordinatensystem. Man weiß, was man gut findet (Daum, Poldi etc.) und kennt die Bösen (Gladbach, Bayern, Schalke, Leverkusen, Oliver Held und viele weitere). In fast jeder (fußballerischen) Lebenssituation hilft einem dieses Koordinatensystem schnell zu einer klaren Meinung zu gelangen (”Der Toni fällt viel zu schnell”). Auch wenns Blödsinn ist, aber darum gehts ja nun nicht. Nur eine Sache ist zumindest mir freilich völlig unklar: Wie ticken eigentlich Menschen, die beispielsweise zu Bayer Leverkusen halten? Da habe ich nicht die geringste Ahnung. Wie kommen die so durch die fußballspezifischen Grundsatzdiskussionen? Da nun auch noch das kleine Derby ansteht für mich Grund genug mal einem ein paar Fragen zu stellen. Jens vom trotz allem lesenswerten catenaccio.de hat sich dazu netterweise bereit erklärt.
Hallo Jens, ich habe in meinem persönlichen Umfeld keine Fans von Bayer Leverkusen, ich kenne nicht mal welche. Du behauptest nun einer zu sein. Warum tust du das?
Frage ich mich auch immer wieder. Aber wahrscheinlich hängt das mit meinem Helfer- und Mitleidssyndrom zusammen. Menschen, denen es schlecht geht oder die Hilfe brauchen, denen stehe ich zur Seite. So wars damals auch bei Leverkusen. Ich erinner mich noch an diese beiden UEFA-Cup-Partien gegen Prag, die beide Remis ausgingen und es mir nicht in den Kopf wollte, dass Bayer aufgrund der Auswärtstore rausflog. Da hatte ich irgendwie Mitleid und verfolgte fortan die Spiele der Werkself, auch um mich vielleicht von meinen Klassenkameraden abzusetzen, die vornehmlich Bayern- oder Dortmund-Fans waren.
Nun steht mal wieder das direkte Duell an. Für FC-Fans ist das Spiel gegen Gladbach ja das wahre Derby, gegen Leverkusen gewinnt man aber auch extra gerne. Welchen Stellenwert hat das Spiel denn für dich?
Ich muss ehrlich gestehen, dass mir dieses Traditionsgehupe, alte Feindschaften, Derbys, etc. eher schnuppe sind. Für mich ist die Partie gegen Köln, ein Auswärtsspiel, was gewonnen werden muss. Ich bin da wohl kein echter Fan. Ich frage mich manchmal, warum es keinen Fanleitfaden für Anhänger des Clubs XY gibt. “Club XY ist der beste und tollste Verein, den es gibt. – Eure Feinde sind der gegnerische Verein und deren Fans. – Den Verein ABC dürft ihr auch ok finden, der Verein FGH ist dagegen böse. Sympathien zu diesem Verein werden nicht akzeptiert. Blabla.” Aber ich schweife ab.
Seit Jahren finden sich im Bayer-Kader immer wieder alte FCler, aktuell Sinkiewicz und Helmes. Werden diese bei den Bayer-Anhängern kritisch beäugt oder ist man besonders stolz auf die beiden?
Auch hier kann ich nur wieder antworten. Ja und? Ist doch egal, ob jemand beim FC oder bei Bayern München gespielt hat. Jetzt spielt er in der Werkself und da hat er seine Leistung zu bringen. Tut er das nicht, wird er zumindestens bei mir hinterfragt. Ich weiß aber, dass das nun mal bei diversen Fans nicht egal ist. Und auch die Medien freuen sich wie die Schneekönige, wenn Exspieler irgendwo auflaufen und am besten noch ein Tor schießen gegen den Exverein und dann vielleicht noch mit den Exfans am Ende jubeln.
Leverkusen hat eine teils berauschende Hinrunde gespielt, jetzt droht plötzlich der Anschluss an die UEFA-Cup-Plätze verloren zu gehen. Woran liegts?
Ganz so plötzlich, wie alle meinen kommt das ja nicht. Schon in der Hinrunde gab es Spiele, die man gewonnen hat, aber durchaus hätte verlieren können. Es gab diverse Matches, wo Bayer einfach unnötig Punkte verschenkt hat. Gegen Karlsruhe, Bielefeld oder Cottbus hätte Leverkusen neun Punkte holen müssen und am Ende sind es zwei gewesen. Und da waren noch einige Spiele mehr, die sicherlich auch anders hätten ausgehen können. In der Rückrunde fehlt jetzt einfach der Biss und der Mann, der die Mannschaft um sich schart und sie mitreißt. Neben dem Platz müht sich Bruno Labbadia redlich, auf dem Platz sehe ich keinen Spieler, der sich gegen das Mittelmaß wehrt. Das ist vielleicht auch zu viel verlangt von diesem jungen Team.
War die Entlassung von Michael Skibbe in deinen Augen richtig? Offensichtlich scheint er nicht schlechtere Arbeit geleistet zu haben als sein Nachfolger.
Ich glaube, dass das schon ok war. Skibbe hat zwar fachlich einiges auf dem Kasten, allerdings hat er auch die Ausstrahlung eines Blocks Beton. Zum Ende haben die Spieler, glaube ich, nichts mehr mit ihrem Trainer anfangen können. Labbadia fehlt leider noch einiges an Erfahrung, fachlich ist sicherlich auch noch das ein oder andere aufzuholen, aber dafür arbeitet er hart und hat einen Plan. Es könnte halt sein, dass dieser Plan, bei diesem Team und seinen Kompetenzen eine Saison länger braucht, um in Erfüllung zu gehen.
Kommt ihr nochmal ran ans internationale Geschäft?
Ich glaube nicht. Die ersten fünf Mannschaften sind zu stark und werden den Rest der Liga auf Abstand halten. Selbst wenn alles gut läuft und man nur noch ein oder zwei Niederlagen kassiert, ist die Spitze zu stark, dass Bayer da noch ran kommt.
Der FC ist drauf und dran die Klasse zu halten. Ein Ärgernis für dich?
Nein auf keinen Fall. Der FC hat für mich eher eine Existenzberechtigung in der 1.Liga, als zum Beispiel Bielefeld oder Cottbus. Das hat aber allein sportliche Gründe.
Nun kommt auch noch Poldi zurück zum FC. Hältst du das für genauso bödsinnig wie die meisten außerhalb Kölns?
Man wird sehen. Poldi wird wahrscheinlich 1-2 Spielzeiten in Köln spielen, 20-30 Tore schießen und dann international gehandelt werden. Vielleicht probiert er es dann noch mal, aber ich glaube er wird es nicht schaffen, sich woanders durchzusetzen. Poldi erinnert mich immer ein bisschen an Landon Donovan. Das persönliche Umfeld muss bei beiden stimmen, damit es läuft. Bei Podolski ist das nun mal am Dom in Kölle.
Und was traust du dem FC in der kommenden Saison zu?
Tja – was traue ich dem FC nächste Saison zu? Das kommt ein bisschen darauf an, wen man sonst noch ins Boot holt. Mit dem derzeitigen Team plus Podolski wird der FC irgendwo im Mittelfeld landen.
Dein Tipp für Sonntag?
Ein 2:1 für Bayer. Ein 2:1. Ein 2:1. Ein 2:1. Ein 2:1. Und die Werkself wird nach Rückstand endlich mal ein Spiel drehen. Ein 2:1. Ein 2:1. Ein 2:1. Man muss es nur oft genug schreiben, dann wird es wahr.
Christoph Daum und die Türken
Ein Gastbeitrag von gspeppi
Seit einigen Tagen rumort es in der türkischen Presse, angeblich wird Christoph Daum von Fenerbahçe umworben. Haha, na klar, der Daum, von wegen, Köln bleibt schließlich erstklassig, Poldi kommt und überhaupt. Lassen wir den Quatsch also? Vielleicht sollte man dieses Thema aber doch nicht gleich als Märchen aus 1001 Nacht abtun. Fakt ist, dass Fenerbahçe eine peinliche Saison spielt. Man hat viel Geld für den spanischen Torschützenkönig Güiza ausgegeben sowie eine weitere Stange Geld für Luis Aragonés, den ehemaligen Nationaltrainer Spaniens hingelegt. Bisher hat Fener in dieser Saison sieben Niederlagen einstecken müssen und man kann im Verein wohl von Glück reden, dass alle Istanbuler Großclubs eine ähnlich unterirdische Serie hinter sich haben. Bezeichnenderweise ist das Highlight der Saison für Fener wohl, dass Galatasaray endlich aus dem UEFA-Cup ausgeschieden ist und somit die Gefahr gebannt ist, dass der ärgste Rivale das Finale im dann rot-gelb geschmückten Fenerbahçe-Stadion austragen darf.
Es gibt also durchaus Sehnsucht nach einer Person, die sowohl vom Namen als auch von seinen Fähigkeiten als Trainer vorzeigbar ist. Aber warum ausgerechnet immer wieder der Daum? International ist man zuletzt unter Trainer Zico erfolgreicher gewesen und Meisterschaften in der Liga (nicht im Pokal, den hat man seit 26 Jahren regelmäßig an Galatasaray abgeben müssen) sind normal für einen Verein mit den Ansprüchen von Fenerbahçe. Man kann sich durchaus die Frage stellen, worauf diese herzliche Beziehung zwischen Daum und „seinen Türken“ basiert, zwei Parteien, die zumindest hierzulande recht häufig mit einem gewissen Misstrauen beäugt werden. Als Christoph Daum das erste Mal in der Türkei ankam, war er gerade beim VFB Stuttgart entlassen worden. Sein Wechselfehler kostete die Schwaben damals den Einzug in die Champions League. Noch weiter unten angelangt war Daum bei seiner zweiten Kur in der Türkei, mit dem Ruf des koksenden, lügenden Möchtegern-Nationaltrainers hatte er auf Jahre seinen Stammplatz bei den Witzeschreibern der Nation sicher.
Unabhängig von all den üblichen Qualitäten, die Profis im Fußballgeschäft mitbringen sollten, ist der Grund für die Besonderheit gerade dieser Beziehung eigentlich offensichtlich: Daum ist ziemlich bekloppt. Die Türken sind ordentlich bekloppt. Man kennt sich und vor allem mag man sich. Daum hat verstanden, wie die Uhren in der Türkei ticken und konnte es zudem auch noch gut leiden. Wer nach in der Türkei vergötterten Personen sucht, trifft auf gebrochene, gescheiterte oder zumindest ein bisschen wahnsinnige Persönlichkeiten. Toni Schumacher, der sich in Deutschland nach der Veröffentlichung seines Buches eine Weile nicht mehr blicken lassen konnte, Jupp Derwall, der vom Kaiser aus dem Amt geputscht das Land verlassen musste, Gheorghe Hagi, der als ewiges Talent bei Barcelona ausgemustert wurde. Wer die „Herausforderung Türkei“ ernsthaft annahm und sich auf die Menschen zubewegte, dem kam man mit drei Schritten entgegen. In der Türkei wurden diese „Aussätzigen“ nicht nur als Gastarbeiter angenommen, sondern durften sogar auf den Arm und bekamen die dringend benötigte Seelenmassage. Christoph Daum kam also auch nicht als Entwicklungshelfer, als Kolonialherr, als deutscher Missionar der mit erigiertem Zeigefinger wedelnd den Wilden teutonische Leitkultur einbimsen wollte, wie ein Werner Lorant. Er stand den immer im Übermaß sprudelnden türkischen Emotionen auch nicht kühl und distanziert gegenüber wie ein Jörg Berger. Man sah den Deutschen mit den Türken schimpfen und feiern, schreien und Wangenküsschen verteilen, Ayran trinken und türkisch radebrechen.
Man muss zumindest ein wenig die Klaviatur der Emotionen beherrschen, um in der Türkei erfolgreich sein zu können und auch von der Mentalität der Menschen zu profitieren. Im Umkehrschluss kann man sich so auch erklären, warum es für Enke, Skibbe, Berger oder Löw eine weniger erquickliche Zeit gewesen sein mag – dann wenn zu viele Gefühlswallungen einfach erdrückend sein können. Die Ankündigung von Christoph Daum, die türkische Staatsangehörigkeit annehmen zu wollen, darf dabei weniger als handfestes Vorhaben, denn als Geste betrachtet werden. Aber unmöglich – nein unmöglich wäre es wirklich nicht. Unmöglich wäre auch ein erneuter Wechsel in die Türkei wohl nicht. Vielleicht ist die ganze Beziehung zwischen Christoph Daum und „den Türken“ ein bisschen wie Teenagerliebe. Aufregend, gefühlsbetont, mit Höhen und Tiefen, ein bisschen verschwitzt und vor allem eines – manchmal ein bisschen irrational.
Dies war ein Gastbeitrag von gspeppi – herzlichen Dank!
Wie ein Zweitligist im Pokal
“Ein Punkt gegen Bielefeld – das ist zu wenig!” Solche Sprüche waren gestern und heute des öfteren zu lesen und hören. Aber stimmt das auch? War das wirklich zu wenig? Oder sind vielmehr nur die Ansprüche nach einem überraschenden Sieg in München zu hoch gestiegen?
Lässt man das Spiel nochmal Revue passieren, dann war da sicher mehr drin. Das sahen auch die Spieler in ihren Statements nach dem Schlusspfiff so. Fraglos, Köln war das bessere Team, kontrollierte über weite Strecken Ball und Gegner. Bielefeld hatte genau eine Chance im ganzen Spiel, ein Kopfball von Wichniarek, und der war nicht drin. Der FC hätte schon zur Halbzeit eine deutliche Führung verdient gehabt. Aber dann kam leider der Aussetzer von Brecko.
Abstrahiert man aber etwas vom Spielgeschehen selber, dann ist der Punkt ein gewonnener Punkt. Dann macht einem das Spiel von gestern sogar Mut. Denn man hat einen direkten Konkurrenten um den Klassenerhalt auf Distanz gehalten. Mit nun 29 Punkten liegt man ganz klar auf Kurs, hat in der Rückserie sogar schon drei Punkte mehr gesammelt, als in der Hinrunde gegen die selben Gegner. Man ist seit sechs Spielen ungeschlagen und so langsam fällt es schwer sich vorzustellen, dass der FC nochmal richtig unten reinrutscht. Die von Christoph Daum ausgegebene “Eichhörnchen-Taktik” funktioniert und ist angesichts der Tatsache, dass nach oben eh nix mehr geht (es gibt keinen UI-Cup mehr!), genau richtig. Und man darf auch nicht vergessen, welchen Weg der FC in den letzten zwei Jahren gegangen ist: Im Februar 2007 ging das Team nämlich noch 0:5(!) bei Rot-Weiss Essen(!) unter. Dagegen herrschen jetzt paradiesische Zustände. Da kann man auch mal einen Klopper wie den gestrigen von Miso Brecko wegstecken, zumal der bisher ja eine sehr solide Runde spielt.
Und noch was macht Mut: Der FC hat gestern wie selbstverständlich die Initiative übernommen. Und in der ersten Halbzeit auch kein schlechtes Spiel aufgezogen. Klar, das Ergebnis ist nicht optimal. Aber da zuletzt oft behauptet wurde, der FC tue sich schwer, wenn er das Spiel machen müsse, gilt es das Spiel gestern positiv zu werten. Wie twitterte HerrWieland von Königsblog gestern: “Wenn Bielefeld beim Aufsteiger Köln wie ein Zweitligist im Pokal agiert, sollte das die FC-Fans beruhigen können”. Drei Punkte hätten mehr beruhgt. Aber recht hat er trotzdem.
Das perfekte Auswärtsspiel
Bei den Bayern sah der FC in den letzten Duellen immer ganz gut aus. Dass es gestern aber zum großen Wurf gereicht hat, damit war wirklich nicht zu rechnen. Schließlich trat ein (wenn auch wackerer) Aufsteiger bei einem CL-Achtelfinalisten an. Und doch, gestern passte einfach alles, ein perfektes Auswärtsspiel:
1. Der FC hatte Glück mit dem Schiedsrichter. Her Rafati, sonst kein schlechter seiner Zunft, erkannte das 1:0 durch Klose nicht an. Puuh.
2. Christoph Daum schickte den 20jährigen Daniel Brosinksi zu seinem Bundesliga-Debüt auf das Feld. Bisher stand der genau zweimal im Kader. Eine verwegene Idee und dann macht der Junge so ein Spiel und trifft sogar zum wichtigen 0:2. Ein absoluter Traum.
3. Spieler, mit denen man lange Zeit nicht richtig warm wurde, spielen plötzlich ihre Stärken aus. Von Fabrice “DJ” Ehret ist man das seit einiger Zeit gewohnt, trotzdem unnachahmlich, wie er Demichelis vor dem 0:1 einfach stehen lässt. Und Nemanja Vucicevic, ständig zwischen Weltklasse und Kreisklasse changierend, aber eigentlich stets ineffektiv, spielt plötzlich öffnende Pässe und bringt nach seinen Dribblings den Ball zum Mitspieler. Hut ab.
4. Die Mannschaft hat sich zerrissen. Man konnte förmlich spüren, wie die Mannschaft Schmerzen litt. Brosinski ging völlig ausgepumpt vom Feld und über McKenna muss man eigentlich kein Wort mehr verlieren. Wurde von Klose richtig böse am ohnehin lädierten Knöchel erwischt… und kam trotzdem zurück aufs Feld und warf sich in jeden Ball.
5. Unglaublicher Support, wirklich ein “Heimspiel in München”. Die Leistung auf der Tribüne war genauso stark wie die auf dem Feld.
6. Und das alles an Karneval. Ein besseren Zeitpunkt für so einen Sieg gibt es nicht.
Etwas Glück, etwas Mut, etwas Können, etwas Aufopferung. Mehr brauchte es nicht für einen großartigen Nachmittag. Danke, Jungs!
Marvin Matip – Hopp oder top?
Über kaum einen Spieler gehen die Meinungen der FC-Fans so weit auseinander, wie im Fall von Marvin Matip. Die Einen wünschen ihn so schnell wie möglich zum Teufel und wollen noch nie einen so schlechten FC-Spieler gesehen haben. Und die Anderen halten ihn für einen jungen und entwicklungsfähigen, vielseitigen und zuverlässigen Defensivspieler. Ein kurzer Blick auf das FC-Brett genügt, um das Ausmaß der Kontroverse zu erfassen. Dies und die Tatsache, dass sein Vertrag im Sommer ausläuft, sind Grund genug sich den Fall mal genauer anzusehen und dann in der gebotenen Sachlichkeit Position zu beziehen.
Matip fand den Weg zum FC, nachdem er in Bochum bei Trainer Neururer in Ungnade gefallen war. Dieser nahm ihm übel, dass er ein Angebot zur Vertragsverlängerung abgelehnt hatte und kanzelte ihn schließlich nach nur einem Bundesligaspiel für den VfL intern wie auch öffentlich ab. Matip stand als aktueller U21-Nationalspieler bei einigen Vereinen auf dem Zettel, nicht zuletzt beim HSV, unterschrieb aber letztlich beim FC. Ein gefeierter Transfer, war das Talent doch ablösefrei und schien mit Lukas Sinkewicz, seinem Partner auch in der U21, das Innenverteidiger-Duo der Zukunft bilden zu können.
Unter Uwe Rapolder begann er auch als Innenverteidiger, wurde aber auch im defensiven Mittelfeld aufgestellt. Rapolders Nachfolger Latour setzte ihn schließlich regelmäßig als “Sechser” ein. Einen Stammplatz in der Innenverteidigung konnte er sich nie erarbeiten, regelmäßige Einsatzzeiten auf allen Defensivpositionen dagegen schon. Matip spielt derzeit schon seine vierte Saison für den FC und hat in jeder hat 50% und 70% der Spiele absolviert. Er gehört damit also seit geraumer Zeit mindestens zum erweiterten Stamm und das unabhängig vom Trainer. Von seinen Kollegen des 1. Spieltages der Saison 2005/6 (1:0 gegen Mainz) spielt heute niemand mehr beim FC (Mattes Scherz saß 90 Minuten auf der Bank). Ob Rapolder, Latour oder Daum, keiner ließ Matip länger als maximal sechs Spiele außen vor, dann kehrte er immer für längere Zeit zurück. In der Rückrunde der letzten (Aufstiegs)saison kam Matip 14 Mal zum Einsatz und hatte wesentlichen Anteil an den disziplinierten Auftritten der Mannschaft.
Sein Bilanz entspricht jetzt nicht der steilen Karriere eine Lukas P. (60 Länderspiele), gleichwohl sind 76 Profieinsätze für einen 23jährigen auch nicht zu verachten. Er verfügt also bereits über eine gewisse Erfahrung und ist defensiv auf allen Positionen zu hause. Zu seinen Stärken gehört sicher das Defensivverhalten insgesamt, sein Stellungsspiel ist stark, sein Kopfballspiel brauchbar. Er ist kein reiner Klopper wie weiland Thomas Cichon sondern verfügt über eine ordentliche Technik. Dem gegenüber sind auch Schwächen zu verzeichnen, wie vor allem seine verbesserungsfähige Dynamik und das Offensivverhalten. Sein Spieleröffnung ist ganz passabel, richtig Druck über die Flügel entfaltet er aber nicht, seine Flanken sind harmlos. Zudem ist er immer gut für einen Bock, wobei ich behaupten würde, dass das bei ihm nicht öfter vorkommt, als bei anderen. Nur hatte er eben das Pech, dass daraus auch schon bittere Gegentore resultierten, wie z.B. beim 0:1 in Freiburg in der letzten Saison. Torgefahr geht ihm völlig ab, kein Vergleich zu einem Dodo, Matip hat bisher ein kümmerliches Tor zu Buche stehen.
Er ist also fraglos kein kommender Weltstar, verfügt aber über seine Qualitäten. Letztlich ist er vor allem deshalb so umstritten, weil sich die Leute an Fehler wie gegen Freiburg erinnern. Hätte er etwas mehr Glück gehabt und wären die Situationen glimpflich ausgegangen, dann hätte Marvin weiterhin einen guten Ruf und stünde nicht so sehr in der Kritik. Dummerweise haftet ihm nun das Image als Gefahrenherd und Tölpel an, an das sich die Leute bei jeder nicht 100% gelungenen Aktion erinnern. Selbst gute Aktionen werden ihm nun bisweilen negativ ausgelegt, wie jüngst gegen Frankfurt: Da eroberte er kurz vor Schluss am gegnerischen Strafraum denn Ball, legte mustergültig und mit viel Übersicht quer zu Ishiaku, der den Ball am leeren Tor vorbei schob. Die Reaktionen auf diese Szene sagen sehr viel aus: Matip wurde nämlich dafür kritisiert, dass er nicht selber den Abschluss gesucht hatte, es sei ein weiterer Beweis für seine Unfähigkeit. Ein unfassbar unfaires Urteil! Was kann er dafür, dass Ishiaku das Ding nicht macht? Hätte Ishiaku den Ball versenkt, dann wäre dieser für das Tor gefeiert worden und über Matip hätte niemand ein Wort verloren. Wie es ähnlich beim 2:1 in Bochum passierte, als Ishiaku traf und umjubelt wurde, der Ruhm aber eigentlich Ehret gebührte.
Letztlich kann Marvin Matip also machen was er will, seine Leistungen werden von zahlreichen FC-Fans immer schlecht geredet oder bestenfalls ignoriert (wenn er fehlerlos war). Aus dieser Position heraus zu kommen ist nicht unmöglich, wie Mattes Scherz und Novakovic bewiesen haben. Aber diese konnten mit Toren auf sich aufmerksam machen, ob einem Defensivspieler eine ähnliche Entwicklung gelingen kann, sei dahingestellt. Außerdem ist der linke Verteidigerposten, der ihm derzeit überantwortet ist, sicher nicht seine Idealposition. Seine besten Spiele hat er in der defensiven Mittelfeldposition absolviert und dort ist er auch weiterhin einer starke Alternative, wenn ein Kevin Pezzoni mal in eine Formkrise gerät. Und selbst wenn nicht ist er dort sicher nicht chancenlos.
Alle Kritiker sollten versuchen seine Leistungen sachlich zu beurteilen. Natürlich macht er Fehler. Niemand ist davon frei. Aber seine zahlreichen Stärken sollte man ebenfalls sehen. Und entsprechend würdigen. Die notwendigen Fähigkeiten, um ein Bundesliga-Stammspieler zu werden, besitzt Marvin Matip zweifellos. Und daher steht für mich außer Frage, dass man seinen Vertrag unbedingt verlängern sollte. Der FC braucht auch in Zukunft einen Marvin Matip. Erst recht wenn dieser einen weiteren Entwicklungsschritt gehen sollte. Und das ist ihm derzeit weit eher zuzutrauen, als einem Adil Chihi (über den hier vielleicht ein anderes Mal verhandelt wird).
Schweizer Trainer
Ok, einen Matchwinner zu benennen verbietet sich, wenn man nur 2:2 gespielt hat. Aber wie das Spiel in Frankfurt ohne Stümer Milivoje Novakovic ausgegangen wäre, möchte man als FC-Fan gar nicht wissen. Mit seinem Doppelpack rettete er zumindest einen Punkt und unterstrich, dass er einer der Top-Stürmer der Bundesliga ist. Zehn Tore hat er jetzt schon mehr geschossen als seine treffsichersten Mitspieler (Radu und Petit, jeweils zwei Treffer). Er ist – neben Geromel – die große Nichtabstiegsversicherung des FC. Sollte am kommenden Wochenende Karlsruhe bezwungen werden, kann man vor allem dank ihm beruhigt für die kommende Saison planen.
Auch wenn Novas Start in Köln nur mäßig war, der Mann ist ein Phänomen und mittlerweile weiß jeder, warum der damalige Trainer Hans-Peter Latour ihn unbedingt haben wollte. „Ich will die Stärken von Matthias Scherz nicht abwerten, er ist sehr schnell und stark im Strafraum. Aber die Spielstärke von Novakovic hat er auf diese Weise nicht.“ Das waren seine Worte zur Neuverpflichtung Novakovic. Auch wenn Latours Amtszeit unter einem unglücklichen Stern stand, mal abgesehen vom grandiosen Pokalsieg gegen Schalke, für diesen Transfer muss man ihm verdammt dankbar sein. Wie auch seinem Vorgänger Marcel Koller, der dem A-Jugendlichen Lukas Podolski entdeckte und ins Team beförderte. Alles falsch war an den beiden wohl nicht, jedenfalls für Top-Stürmer scheinen Schweizer Trainer ein Auge zu haben. Auch Lucien Favre macht in Berlin ja grad keinen schlechten Job, auch wenn er mit Pantelic nicht klar kommt. Was vielleicht die Ausnahme der Regel ist.
Fest steht jedenfalls: Wenn in der kommenden Saison Nova und Poldi die erste FC-Reihe bilden, dann ist das ein Verdienst unserer schweizer Trainer. Danke dafür!


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