Fußball und Nation

Ein eigentümliches Thema treibt die Boulevardzeitung mit den vier großen Buchstaben mal wieder um. Es geht um die Nationalität der FC-Spieler. Erst wird festgestellt, dass kein Deutscher in der FC-Startelf gegen Niederauerbach gestanden hat. Und etwas später fragt man Thomas Broich, ob zu viele Ausländer in der Bundesliga spielen. Dazu zwei Bemerkungen:

1. Die Behauptung stimmt einfach nicht, dass kein Deutscher in der Startelf gegen Niederauerbach stand. Adil Chihi ist in Düsseldorf geboren, dort auch aufgewachsen und hat die deutsche Staatsbürgerschaft. Was braucht es noch, um als Deutscher zu gelten? Die Tatsache, dass die BILD diesen Fakt nachhaltig ignoriert, bedeutet entweder, dass sie keine Ahnung hat (A). Oder aber sie kennt die Fakten und biegt sie sich für die vermeintliche “Geschichte” zurecht (B). Oder aber sie akzeptiert Adli Chihi nicht als Deutschen, obwohl er hier geboren und ausgewachsen ist, deutsch spricht, die deutsche Staatsbürgerschaft hat etc. Das wiederum entspräche einem rassistischen Verständnis von Nationalität nach dem Blutsprinzip, dem ius sanguinis. Egal was Adil Chihi auch macht, er bleibt für BILD Marokkaner, er hat kein deutsches Blut in sich (C). Zugegeben, der BILD ist fraglos zuzutrauen traue ich fraglos zu, dass sie nicht so genau recherchiert. Aber in diesem Fall die Staatsangehörigkeit zu übersehen ist kaum möglich, daher scheidet Variante A aus. Und selbst wenn es nicht die rassistische Variante C ist, so ist auch B ein großes Ärgernis. Nicht nur, weil BILD hier dann bewusst lügt, sondern auch weil sie ihre Geschichte auf dem Rücken von jungen Deutschen mit Migrationshintergrund austrägt. Im Zweifel ist ein Adil Chihi nämlich doch Marokkaner. Wie auch viele Türken Menschen mit türkischen Wurzeln, die hier in zweiter Generation leben, im Zweifel doch Türken sind. Auch wenn sie kaum türkisch sprechen und in dem Land noch nie länger als drei Wochen am Stück waren. Und bei so viel geballter Ablehnung wundern sich noch einige, warum viele junge türkische Talente (oder auch Adil Chihi) lieber für das Land ihrer (Groß-)eltern spielen, statt für Deutschland.

2. Ist mir völlig schleierhaft, welche Relevanz die Frage nach der Nationalität hat. Einzig im Zusammenhang mit entsprechenden Regularien könnte die Frage von Interesse sein. Es gibt ja weiterhin eine so genannte “Ausländerregelung“. Aber diese ist in der BILD-Berichterstattung mit keinem Wort erwähnt. Und dann ist wirklich die große Frage, warum nicht besser über die Fähigkeiten der einzelnen Spieler diskutiert wird. Zur Not noch über deren Privatleben, das kann ja wenigstens noch mittelbar Einfluss auf die Leistung der Spieler haben. Aber die bloße Frage der Nationalität ist für die fußballerischen Fähigkeiten der Spieler sowas von irrelevant. Aus diesen nicht vorhandenen inhaltlichen Gründen ist daher schon die bloße Thematisierung der Frage in meinen Augen latent xenophob, also fremdenfeindlich. Diese Einschätzung stützt sich auf die Vergangenheit, wo die BILD in der Frage oft wider besseren Wissen berichtet hat. Man vergleiche nur zwei widersprüchliche Meldungen aus 2006 von der BILD und von der ARD. Die Diskrepanz ist - mal abgesehen von dreister Statistikfälschung - nur dadurch zu erklären, dass die ARD alle mit einem deutschen Pass als Deutsche führt, während die BILD alle mit einer doppelten Staatsbürgerschaft per se den Ausländern zuschlägt.

Selbst wenn am kommenden Samstag Sanou für Chihi in die Startelf rückt: Ich halte der Mannschaft alle Daumen und freu mich einen Keks, wenn die Mannschaft in Wolfsburg punktet. Ich bin FC-Fan und ich will mein Team siegen sehen. Ob die Spieler nun alle im Umkreis von 15 km vom Stadion aufgewachsen sind, oder am Strand in Südamerika das Kicken gelernt haben, das ist mir sowas von egal. Fußball ist völkerverbindend. Der FC ist ein weltoffener Club. Dem Ball ist egal wer ihn tritt. Und die BILD ist das Letzte.

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Kommentare

21 Kommentare zu “Fußball und Nation”

  1. Los Holstos am August 12th, 2008 13:45

    Ich nenne es mal einfach billige Sommerloch-Geschichte, über die ich mich persönlich gar nicht mehr wirklich aufrege… auch wenn ich in der Vergangenheit immer über Cottbus gepöbelt habe wegen genau der gleichen Personalpolitik… aktuell ist das erstmal kein Thema ;)

  2. Lullu am August 12th, 2008 17:33

    sau guter artikel!

  3. a am August 12th, 2008 22:45

    Das ius sanguinis als rassistisch zu bezeichnen ist masslos übertrieben, immerhin bedeutet das Verweigern der Staatsbürgerschaft (zumindest in Dtl.) keine derart starke Benachteiligung, dass man hier von Diskriminierung sprechen kann.
    Und wenn man Alles, was auf Rasseneinteilung (oder Ethnieneinteilung, falls es euch lieber ist) beruht, als rassistisch bezeichnet (auch wenn nicht mindestens Diskriminierung damit einhergeht), wäre es auch rassistisch Menschen ohne europäischer Abstammung zu raten keine Kuhmilch zu trinken, weil ausser Europäern und Touareg kaum eine Ethnie Laktose verträgt. Also dann viel Spaß beim sch***en, liebe Chinesen, wir durften euch ja nicht warnen XD

  4. profiterror am August 12th, 2008 23:24

    “billige Sommerloch-Geschichte, über die ich mich persönlich gar nicht mehr wirklich aufrege… ” Billig ja. Nicht aufregen nein. Wenn solche Gesinnungen in einem Blatt verbreitet werden, dass von Millionen von Dünnbrettbohrern täglich “gelesen” wird, dann frag ich mich, ob der Morgenthau-Plan vielleicht nicht doch besser gewesen wäre. Cheers.

  5. geissblog am August 13th, 2008 08:21

    @ a
    ob das ius sanguinis ein rassistisches prinzip ist, darüber gibt es vielleicht 2 meinungen, meine ist da aber eindeutig. aber die verweigerung der staatsbürgerschaft aus diesem prinzip heraus ist in jedem falls diskriminierend, da wichtige rechte an die staatsbürgerschaft geknüpft sind.

  6. leser am August 13th, 2008 12:55

    “Ich nenne es mal einfach billige Sommerloch-Geschichte, über die ich mich persönlich gar nicht mehr wirklich aufrege…”

    Das sind allerdings so viele billige Sommerlochgeschichten, die BILD auf Kosten anderer Nationalitäten schreibt. Fast täglich wird den BILD Lesern klar gemacht, wie anders Ausländer doch sind. Das BILD bei uns nicht gleich von Herrenrasse schreibt, haben wir wohl nur unserer Vergangenheit zu verdanken.

  7. Saarlänner am August 13th, 2008 20:28

    Hat die BILD schon mal was anderes veröffentlicht, außer Sommerlöchern, Herbstlöchern, Winterlöchern…? Es soll ja immernoch Leute geben, die die BILD tatsächlich für ne Zeitung halten. Aber die glauben auch, das Zitronenfalter Zitronen falten. Und dieses “Wissen” verdanken sie…na?, genau: der BILD!
    All jenen, die immernoch glauben, die BILD sei zwar lästg, aber harmlos (nichts, worüber es sich aufzuregen lohnt), lege ich dringend die tägliche Lektüre des BILDBLOGS (www.bildblog.de) ans Herz. Harmlos ist anders.

  8. Nesterg am August 15th, 2008 11:37

    So isses, guter Artikel, top!!!

  9. Simon am August 15th, 2008 19:56

    Guter Artikel!!

    Denn wie nötig es ist, bei solchen Bild-Tiraden einzuschreiten, zeigt, dass selbst Menschen, die ein völlig anderes Verständnis als die Bild haben - nämlich der Autor dieses Blogs selbst - die Einteilung “nicht-deutsche Vorfahren = Nicht-Deutsche(r)” irgendwie in sich tragen und sie (wahrscheinlich unbewusst) in diesem Blogeintrag nutzen:
    “[...]sondern auch weil sie ihre Geschichte auf dem Rücken von jungen Deutschen mit Migrationshintergrund austrägt. Im Zweifel ist ein Adil Chihi nämlich doch Marokkaner. Wie auch viele TÜRKEN, die hier in zweiter Generation leben, im Zweifel doch Türken sind.”

    Auch wenn hier 100 %ig klar ist, dass der geissblock-Autor eine dem BILD-Artikel völlig entgegengesetzte Intention verfolgt (was überaus zu begrüßen ist) ist hier noch durch die Wortwahl “Türken” für Deutsche mit türkischem Migrationshintergrund (wie zwei Sätze vorher richtig gesagt) das leider weit verbreitete Überbleibsel der kritisierten Bild-Diktion im gesellschaftlichen Bewusstsein zu sehen.

    Selbst Gegner dieser Ansicht benutzen sie noch in ihrer Sprache. Sprache schafft Wirklichkeit.

    Also keine Kritik!!!
    Nur ein weiteres Indiz für die Wichtigkeit, gegen diese Bild-Artikel anzugehen, die von einigen hier negiert wird.

  10. Schmierwurst am August 15th, 2008 22:48

    @simon Es ist doch auch vollkommen ok “Deutsche mit türkischem Migrationshintergrund” Türken zu nennen. Man sollte sich vielmehr davon verabschieden, daß die Nationalität nur eine einzige Ausprägung haben kann. Die Leute aus meinem Feundes- und Bekanntenkreis die oder deren Eltern nach Deutschland gekommen sind, bleiben für mich Perser, Türken, Polen, Franzosen oder wasweiß ich, auch wenn sie einen deutschen Pass haben, mit mir zur Schule gegangen sind. Das bedeutet ja nicht, daß sie nicht auch Deutsche sein können.
    Das Schlimme in meinen Augen ist nicht, daß Chihi für die Bild ein Marokkaner ist (ich kenne ihn zwar nicht, aber er wird sicherlich bei den Spielen der marokkanischen Nationalelf mitfiebern, regelmäßig seine marokkanische Großmutter besuchen, etc.), sondern daß er für sie kein Deutscher ist, obwohl hier geboren, aufgewachsen und sein Fußballhandwerk erworben.

  11. HD am August 16th, 2008 13:59

    Nur eine kleine Ergänzung:
    Die Diskriminierung in der Sprache fängt schon viel früher an. Wie nennen wir einen Amerikaner mit afrikanischen Wurzeln? Afro-Amerikaner. Wie nennen wir einen Deutschen mit türkischen Wurzeln? Deutsch-Türke. Damit zeigt sich ganz deutlich, dass er immer noch als Türke verstanden wird. Was spräche eigentlich gegen Turk- oder Türk-Deutscher? Nur mal so zum Drübernachdenken…

    Und ja, die Bild ist das Letzte. Danke für diesen Artikel!

  12. geissblog am August 16th, 2008 14:18

    @simon:
    in der tat, da war ich 1x ungenau… danke für den hinweis!

  13. Sim am August 17th, 2008 20:55

    kein wunder, dass die NPD in den ersten Bundesländern die 5% schafft wenn deutschlands bescheuertste aber größte Zeitung solche Schlagzeilen druckt.

  14. Jansen am August 18th, 2008 10:44

    Sehr guter Artikel.

    NEIN zu jeglicher Form des Rassismus und billiger, effekthaschender Berichterstattungen.

    und btw: FC for Klassenerhalt :o)

  15. Max am August 19th, 2008 20:56

    Sicher ist es richtig, auf in irgendeiner Weise geartete Diskriminierung hinzuweisen. Dass BILD die Geschichte als Sommerloch-Thema aufgreift, ist ebenso verständlich.
    Relevant finde ich das Thema jedoch im Hinblick auf unsere Nationalmannschaft. Hier ist es wichtig, dass “Deutschlands liebstes Kind” Spieler zur Verfügung hat, die sich in der Bundesliga bereits häufiger beweisen mussten. Dies Funktioniert nur über Einsätze in der Startelf und beim FC taten sich so nicht nur Podolski und Helmes hervor. Ein durchaus wichtiges Thema also, auch wenn ein Kritiker der BILD hier indirekt einen rasistischen Hintergrund vorwürft. Schade.

  16. geissblog am August 19th, 2008 23:27

    @max: ja, das kann man so sehen. ich würde das vielleicht sogar gelten lassen, WENN die bild das in diesen kontext stellen würde. tut sie aber nicht. es findet sich kein hinweis auf spieler, die potenziell in der deutschen nationalelf spielen könnten und nun nicht zum zuge kommen. und deshalb würde ich trotz deines einwandes bei meiner position bleiben.

  17. Timo am August 20th, 2008 12:03

    @Max: Ist ja nicht so, dass die Spieler mit deutschem Pass nicht in der Nationalelf spielen könnten, heißen sie jetzt Adil Chihi oder Max Müller.
    WENN es so wäre, dass nur Leute beim FC auflaufen, die aufgrund ihrer Staatsbürgerschaft niemals in der Nationalelf spielen könnten (wobei die letzte EM ja nun eindrucksvoll bewiesen hat, dass man auch kurzvorher noch mal die Staatsbürgerschaft wechseln kann, also stimmt der Einwand ohnehin nicht)UND Bild auf diese Problematik hingewiesen hätte, hättest Du mit Deinem Einwand Recht.
    Ist aber nicht so. Das Gegenteil ist der Fall: Bild vergrault mit solchen Artikeln selbst potenzielle Nationalspieler, die dann lieber sonstwo auflaufen, wo sie akzeptiert werden, als in ihrem Heimatland.
    Schade.

  18. Henry82 am August 20th, 2008 15:05

    Aber sobald man für ein Nationalteam Deutschalands aufläuft, ist man für die Foto- Zeitung auch Deutscher. Ob man die Sprache beherrscht oder nicht…

    http://www.bildtonline.de/BILD/sport/olympia2008/2008/07/22/dirk-nowitzki/kaman-pass/basketball-star-zeigt-deutschen-ausweis.html

  19. Marc am August 26th, 2008 13:14

    Ich finde es schon gut wenn auch ein paar Deutsche in der Startelf stehen, auch unterstütze ich die 6+5 Regel von Sepp Blatter.

    Allerdings sollte man sich bei der Diskussion über diese Frage nicht auf Bild-Niveau begeben!

  20. Patrick am August 28th, 2008 14:33

    Ich muss ganz ehrlich gestehen, ich als Düsseldorfer könnte nur vermuten, das ein Düsseldorfer in Köln nicht als einheimischer gehandelt wid :)

    Bitte nicht so ernst nehmen, aber ich finde schon, das die ach so politisch korrekte Bildzeitung sich durch einen solchen Bericht dem Niveau von 1940 anpasst.

  21. geissblog am August 28th, 2008 14:47

    puuh, das finde ich dann doch nicht richtig, das ist ja kein offener neonazismus, den die BILD da betreibt. es ist bedenkliche berichterstattung, keine frage, aber da gibts es deutliche qualitative unterschiede zwischen BILD und medien aus den 1940ern.

    ansonsten ist das mit düsseldorf natürlich ein argument… ;-)

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