Die einmalige Chance

Vorbemerkung 1: Ich finde es gut, wenn Michael Meier und Zvonimir Soldo alles tun, um den FC nach vorne zu bringen.

Vorbemerkung 2: Mir liegen Nationalmannschaften nicht sonderlich am Herzen, Nationalstolz halte ich mitunter sogar für ein Problem.

Nun ist die Lage wohl so, das unser FC-Kapitän Milivoje Novakovic in der kommenden Woche unbedingt zu seiner Nationalmannschaft reisen möchte. Slowenien, derzeit auf Platz zwei seiner WM-Qualifikationsgruppe, spielt beim Tabellenführer Slowakei. Dummerweise ist Nova derzeit verletzt und kann am Samstag gegen die Bayern nicht für den FC auflaufen. Ob er eine Woche später für Slowenien spielen kann steht in den Sternen. Daher setzen ihn Meier und Soldo unter Druck und verlangen, dass er auf die Reise verzichtet. Der Boulevard springt auch gleich bei – “Novakovic tanzt dem FC auf der Nase herum” – und berichtet, dass Meier ihm die Kapitänsbinde entziehen will, wenn er die Reise nicht absagt.

So weit, so schlecht. Denn überlegen wir uns doch mal was passieren wird. Slowenien, ein Land mit etwa so vielen Einwohnern wie West-Berlin, hat die Chance sich für die WM in Südafrika zu qualifizieren. Ein Sieg in der Slowakei würde Platz zwei so gut wie sicher machen, Platz 1 wäre noch möglich. Es ist absehbar, dass sich dem Land eine solche Chance so bald nicht wieder bieten wird. Geschweige denn dem Fußballer Novakovic (30). Unabhängig davon, ob Novakovic nun übermäßig stolz darauf ist, ein Slowene zu sein und für sein Land zu spielen, ist nur allzu verständlich, dass Novakovic diese Chance nutzen will. Was gibt es größeres für einen Fußballer, als bei einer WM dabei zu sein? Es mag aus einer deutschen Perspektive vergleichsweise normal sein, aber für viele überragende Fußballer erfüllt sich dieser Traum niemals. Man frage nur Ryan Giggs was er dafür gegeben hätte, nur ein Mal bei einer WM dabei sein zu dürfen. So eine Gelegenheit für Novakovic kommt nie wieder, daher wird er die Reise zur Nationalmannschaft antreten. Sogar unabhängig davon, ob er in acht Tagen auch spielen wird. Und das ist nur allzu verständlich.

Was wird noch passieren? Novakovic wird sich in Köln unverstanden fühlen. Nimmt man ihm das Amt des Mannschaftskapitäns wird er erst recht gekränkt sein. Und das ist für seine weitere Entwicklung beim FC sicher keine gute Sache. Man sollte ihn also fahren lassen und sagen: “Nova, pass auf dich auf, wir brauchen dich hier beim FC. Also mach keinen Blödsinn. Ach ja, und toitoitoi natürlich.”

Im übrigen stelle ich mir schon folgende Situation vor: Deutschland verliert in Moskau und muss in die Relegation gegen – sagen wir ruhig mal Slowenien. Lukas Podolski ist angeschlagen, die Wade, er hat das letzte Spiel für den FC verpasst. Nun will er trotzdem zur Nationalmannschaft reisen und hofft auf einen Einsatz in dem wichtigsten Spiel des Jahres. Würde ihn nun Michael Meier zu sich zitieren und versuchen ihm das mithilfe von Drohungen auszureden? Würde der Boulevard schreiben, Poldi tanze dem FC auf der Nase rum? Würden die Fans entrüstet fragen, wer denn – bitteschön! – sein Gehalt zahlt?

Fehler bei der Kaderplanung?

Das erste Saisonspiel ist gespielt und der FC hat keinen Punkt geholt, nichtmal ein Tor geschossen. Das klingt schlecht. Ist es auch. Aber ist es auch ein Grund zur Beunruhigung? Ja, findet Christian Löer von Kölner Stadtanzeiger. Seinen Kommentar fast folgender Satz zusammen: “Dennoch war dieses 0:1 zum Ligastart kein Pech. Sondern das Ergebnis von Fehlern bei der Kaderplanung.”

Ist das so? Zugegeben, das aktuelle Verletzungpech (Novakovic, Geromel, Podolski) offenbart, dass der FC nicht 22 gleichwertige Spieler hat. Und man kann ihm daher auch nicht widersprechen wenn er sagt, dass der Kölner Kader sehr dünn besetzt ist, offensiv wie defensiv. Ein Fehler ist es dennoch nicht.

Artikulierte Strategie des FC-Führung ist seit einiger Zeit: “Qualität vor Quantität”.  Dafür stehen vor allem die Neuzugänge Podolski und Maniche. Und das ist auch richtig so. 22 gleichwertige Spieler im Kader zu haben ist nur möglich, wenn man insgesamt qualitative Abstriche macht. Oder aber Bayern München heißt – und selbst dann ist es nur die halbe Wahrheit. Die Erfolgschancen eines Teams gespickt mit überdurchschnittlichen Bundesligaspielern sind allemal höher, als wenn man nur auf solide “Massenware” setzt. Natürlich sollten nicht alle Leistungsträger zugleich ausfallen. Aber dieses Risiko muss man in Kauf nehmen, wenn man den Verein voranbringen will.

Die Niederlage in Dortmund ist daher – wie jede Niederlage – ärgerlich. Aber kein Grund zur Beunruhigung und auch kein Grund die Personalpolitik von Manager Michael Meier nach nur einen Spiel zu kritisieren. Zumal unter dem Ausfällen keine Langzeitverletzten (mehr) sind.

Marvin Matip – Hopp oder top?

Über kaum einen Spieler gehen die Meinungen der FC-Fans so weit auseinander, wie im Fall von Marvin Matip. Die Einen wünschen ihn so schnell wie möglich zum Teufel und wollen noch nie einen so schlechten FC-Spieler gesehen haben. Und die Anderen halten ihn für einen jungen und entwicklungsfähigen, vielseitigen und zuverlässigen Defensivspieler. Ein kurzer Blick auf das FC-Brett genügt, um das Ausmaß der Kontroverse zu erfassen. Dies und die Tatsache, dass sein Vertrag im Sommer ausläuft, sind Grund genug sich den Fall mal genauer anzusehen und dann in der gebotenen Sachlichkeit Position zu beziehen.

Matip fand den Weg zum FC, nachdem er in Bochum bei Trainer Neururer in Ungnade gefallen war. Dieser nahm ihm übel, dass er ein Angebot zur Vertragsverlängerung abgelehnt hatte und kanzelte ihn schließlich nach nur einem Bundesligaspiel für den VfL intern wie auch öffentlich ab. Matip stand als aktueller U21-Nationalspieler bei einigen Vereinen auf dem Zettel, nicht zuletzt beim HSV, unterschrieb aber letztlich beim FC. Ein gefeierter Transfer, war das Talent doch ablösefrei und schien mit Lukas Sinkewicz, seinem Partner auch in der U21, das Innenverteidiger-Duo der Zukunft bilden zu können.

Unter Uwe Rapolder begann er auch als Innenverteidiger, wurde aber auch im defensiven Mittelfeld aufgestellt. Rapolders Nachfolger Latour setzte ihn schließlich regelmäßig als “Sechser” ein. Einen Stammplatz in der Innenverteidigung konnte er sich nie erarbeiten, regelmäßige Einsatzzeiten auf allen Defensivpositionen dagegen schon. Matip spielt derzeit schon seine vierte Saison für den FC und hat in jeder hat 50% und 70% der Spiele absolviert. Er gehört damit also seit geraumer Zeit mindestens zum erweiterten Stamm und das unabhängig vom Trainer. Von seinen Kollegen des 1. Spieltages der Saison 2005/6 (1:0 gegen Mainz) spielt heute niemand mehr beim FC (Mattes Scherz saß 90 Minuten auf der Bank). Ob Rapolder, Latour oder Daum, keiner ließ Matip länger als maximal sechs Spiele außen vor, dann kehrte er immer für längere Zeit zurück. In der Rückrunde der letzten (Aufstiegs)saison kam Matip 14 Mal zum Einsatz und hatte wesentlichen Anteil an den disziplinierten Auftritten der Mannschaft.

Sein Bilanz entspricht jetzt nicht der steilen Karriere eine Lukas P. (60 Länderspiele), gleichwohl sind 76 Profieinsätze für einen 23jährigen auch nicht zu verachten. Er verfügt also bereits über eine gewisse Erfahrung und ist defensiv auf allen Positionen zu hause. Zu seinen Stärken gehört sicher das Defensivverhalten insgesamt, sein Stellungsspiel ist stark, sein Kopfballspiel brauchbar. Er ist kein reiner Klopper wie weiland Thomas Cichon sondern verfügt über eine ordentliche Technik. Dem gegenüber sind auch Schwächen zu verzeichnen, wie vor allem seine verbesserungsfähige Dynamik und das Offensivverhalten. Sein Spieleröffnung ist ganz passabel, richtig Druck über die Flügel entfaltet er aber nicht, seine Flanken sind harmlos. Zudem ist er immer gut für einen Bock, wobei ich behaupten würde, dass das bei ihm nicht öfter vorkommt, als bei anderen. Nur hatte er eben das Pech, dass daraus auch schon bittere Gegentore resultierten, wie z.B. beim 0:1 in Freiburg in der letzten Saison. Torgefahr geht ihm völlig ab, kein Vergleich zu einem Dodo, Matip hat bisher ein kümmerliches Tor zu Buche stehen.

Er ist also fraglos kein kommender Weltstar, verfügt aber über seine Qualitäten. Letztlich ist er vor allem deshalb so umstritten, weil sich die Leute an Fehler wie gegen Freiburg erinnern. Hätte er etwas mehr Glück gehabt und wären die Situationen glimpflich ausgegangen, dann hätte Marvin weiterhin einen guten Ruf und stünde nicht so sehr in der Kritik. Dummerweise haftet ihm nun das Image als Gefahrenherd und Tölpel an, an das sich die Leute bei jeder nicht 100% gelungenen Aktion erinnern. Selbst gute Aktionen werden ihm nun bisweilen negativ ausgelegt, wie jüngst gegen Frankfurt: Da eroberte er kurz vor Schluss am gegnerischen Strafraum denn Ball, legte mustergültig und mit viel Übersicht quer zu Ishiaku, der den Ball am leeren Tor vorbei schob. Die Reaktionen auf diese Szene sagen sehr viel aus: Matip wurde nämlich dafür kritisiert, dass er nicht selber den Abschluss gesucht hatte, es sei ein weiterer Beweis für seine Unfähigkeit. Ein unfassbar unfaires Urteil! Was kann er dafür, dass Ishiaku das Ding nicht macht? Hätte Ishiaku den Ball versenkt, dann wäre dieser für das Tor gefeiert worden und über Matip hätte niemand ein Wort verloren. Wie es ähnlich beim 2:1 in Bochum passierte, als Ishiaku traf und umjubelt wurde, der Ruhm aber eigentlich Ehret gebührte.

Letztlich kann Marvin Matip also machen was er will, seine Leistungen werden von zahlreichen FC-Fans immer schlecht geredet oder bestenfalls ignoriert (wenn er fehlerlos war). Aus dieser Position heraus zu kommen ist nicht unmöglich, wie Mattes Scherz und Novakovic bewiesen haben. Aber diese konnten mit Toren auf sich aufmerksam machen, ob einem Defensivspieler eine ähnliche Entwicklung gelingen kann, sei dahingestellt. Außerdem ist der linke Verteidigerposten, der ihm derzeit überantwortet ist, sicher nicht seine Idealposition. Seine besten Spiele hat er in der defensiven Mittelfeldposition absolviert und dort ist er auch weiterhin einer starke Alternative, wenn ein Kevin Pezzoni mal in eine Formkrise gerät. Und selbst wenn nicht ist er dort sicher nicht chancenlos.

Alle Kritiker sollten versuchen seine Leistungen sachlich zu beurteilen. Natürlich macht er Fehler. Niemand ist davon frei. Aber seine zahlreichen Stärken sollte man ebenfalls sehen. Und entsprechend würdigen. Die notwendigen Fähigkeiten, um ein Bundesliga-Stammspieler zu werden, besitzt Marvin Matip zweifellos. Und daher steht für mich außer Frage, dass man seinen Vertrag unbedingt verlängern sollte. Der FC braucht auch in Zukunft einen Marvin Matip. Erst recht wenn dieser einen weiteren Entwicklungsschritt gehen sollte. Und das ist ihm derzeit weit eher zuzutrauen, als einem Adil Chihi (über den hier vielleicht ein anderes Mal verhandelt wird).

Eine Begegnung mit Besonderheiten

Ein Heimspiel gegen die Bayern ist eigentlich immer was besonderes. Ein HeimSIEG gegen die Bayern leider auch. Auch dieses Mal gingen unsere Mannen leer aus, obwohl wenn die Leistung über weite Strecken ganz gut war. Aber es fehlte das letzte bißchen Courage, der volle Mut, die Mannschaft hat doch ein wenig an sich gezweifelt. Sie hätte das Herz in die Hand nehmen müssen, dann wäre vielleicht was gegangen. Die Bayern waren ja nun wirklich nicht übermächtig. Schade, aber andererseits ist dem Team da kein Vorwurf zu machen, Selbstvertrauen ist schwierig zu befehlen. Mit dem ein oder anderen Sieg in den kommenden Wochen kommt das hoffentlich von alleine. Und die Leistung von Geromel war Weltklasse (obwohl Toni doppelt traf), “Dodo“, Petit und Marvin Matip waren ebenfalls bärenstark. Darauf lässt sich auf jeden Fall aufbauen. Wer sich nochmal bewegte Bilder ansehen will, kann das übrigens bei 101greatgoals.com tun.

Da sich auf dem Rasen also nicht viel Überraschendes tat, suchte sich das Publikum wohl andere Beschäftigung. Und fand sie – natürlich – in Bayern-Stürmer Lukas Podolski. Dieser wurde schon vor seiner Einwechslung minutenlang gefeiert, dann bereitete er das zweite Tor vor und erzielte das Dritte selbst. Und wieder jubelt das Kölner Publikum. Und als krönenden Abschluss macht es mit Poldi die Welle. DAS war auch was Besonderes. Es wirft spätestens im Rückblick aber einige Fragen auf, die Philipp Selldorf bei den 11 Freunden treffend formuliert: “Darf man einem Spieler der gegnerischen Mannschaft während der Partie so haltlos zujubeln? Selbst dann, wenn es ein Kölner in der Verkleidung eines Münchners ist?” Einige formulieren ihre Position dazu eindeutig und drastisch, wie beispielsweise Mirai Torres.

Aber halten wir doch erstmal fest, was dafür spricht: Poldi stammt aus der eigenen Jugend, hat elf Jahre für den FC gespielt. Er hat viele wichtige und schöne Tore geschossen und ging nach dem Abstieg 2004 – trotz zahlreicher anderer Optionen – mit dem FC in die zweite Liga. Er bekennt sich noch heute zum Verein und macht kein Geheimnis daraus, dass er sich vorstellen kann wieder zurückzukehren. Und selbst nach einem Tor gegen den FC feiert er nicht unnötig. Das ist wunderbar so. Poldi verhält sich vorbildlich und es ist daher eine Selbstverständlichkeit, dass er in Müngersdorf nicht ausgepfiffen, sondern freundlich empfangen wird.

Und doch trägt er das Trikot des FC Bayern, er ist aus freien Stücken dort hin gegangen. Er hätte auch beim FC bleiben können, hatte sogar noch Vertrag. Damit will ich nicht sagen, dass er hätte bleiben sollen. Sein Abschied war nach dem Abstieg 2006 vorhersehbar und seine Entscheidung für die Bayern völlig in Ordnung. Da ist ihm kein Vorwurf zu machen. Aber andererseits ist die Tatsache nicht zu ignorieren, dass er nun für den FC Bayern spielt. Und das ist nicht der 1. FC Köln. Ein Milivoje Novakovic spielt dagegen für den FC. Und der wundert und ärgert sich in meinen Augen zurecht über die Poldi-Show im Stadion, insbesondere nachdem dieser auch noch das 0:3 erzielt hatte.

Jeder von uns FC-Fans würde immer unterschreiben, dass der FC wichtiger ist, als das Schicksal einzelner Spieler. Sogar wichtiger als Overrath, Schuhmacher, Littbarski und erst recht wichtiger als Lukas Podolski, der bei allem Respekt für seine Leistungen nicht an den Status der vorgenannten heran kommt. Und wenn der FC wichtiger ist als einzele Spieler, dann muss ich die Spieler mit dem Geissbock auf der Brust feiern. Und nicht die mit dem Bayern-Wappen. Einen Lukas Podolski sollte man freundlich empfangen. Aber die Verherrlichung am letzten Samstag, das war nichts anderes als eine kollektive Peinlichkeit.

Ümit Özat – Büyük Kaptan!

Wer das Spiel in Karlsruhe gesehen hat, wird sich sicher lange daran erinnern. Nicht unbedingt an die Tore, die waren nicht sonderlich spektakulär. Und auch sonst war es kein großes Fußballspiel. Nein, es sind die Bilder des bewusstlosen Ümit, die haften bleiben werden. Auch wer die Szenen jetzt nochmal sieht kann sich dem wohl nicht ganz entziehen:

Ein Einschnitt wie dieser ist vielleicht eine passende Gelegenheit, die Person Ümit Özat und seine Rolle beim FC zu beleuchten.

Ümit Özat, geboren 1976 in Ankara, hat eine sportlich beeindruckende Vita hinter sich: Nach erfolgreichen Anfängen bei Gençlerbirligi Ankara, die ihn bis in die türkische Nationalelf trugen, gings über Bursaspor zu einem der drei istanbuler Topclubs – Fenerbahçe. Dort wurde er drei mal türkischer Meister, spielte 16 Spiele in der Champions League (plus vier in der CL-Quali) und erreichte mit der Nationalmannschaft den dritten Platz bei der WM 2002. Im Sommer 2007 kam dann der Wechsel zum FC, seine erste Auslandsstation.

Wer sich fragte, warum solch ein Hochkaräter beim FC landete (noch dazu in der 2. Liga), der kam schnell dahinter. Ümit präsentierte sich mit seinem knapp 31 Jahren nicht mehr richtig auf der Höhe. Zwar zeigte er eine enorme Ruhe am Ball, starke Pässe und viel Übersicht. Ganz zu schweigen von gefährlichen Standards. Doch seine Schnelligkeitsdefizite waren auch nicht zu übersehen. Ümit war weit von einer Champions League-Verfassung entfernt und Befürchtungen, dass hier einer im Herbst seiner Karriere nochmal abkassieren wollte, machten die Runde. Aber auch wenn Ümit langsam und irgendwie nicht wettbewerbsfähig wirkte, er hatte – kaum beachtet – in der letzten Saison die besten Zweikampfwerte  (+60%) der ganzen Mannschaft! Er war eine tragende Säule des Aufstiegsteams (9 Torvorlagen,  ebenfalls Topwert). Nach anfänglichen Zweifeln musste man anerkennen, dass er mit seiner Erfahrung und Übersicht die vorhandenen Schwächen ausreichend überspielen konnte. Und er hat sich immer reingehängt, kämpferische Defizite konnte man ihm nicht nachsagen.

Die letzten Zweifel hat er dann im Sommer 2008 ausgeräumt. Wer in der Saisonpause 6-8 Kilo abnimmt, der ist entweder todkrank oder arbeitet eisern an seinen Zielen. Ich habe mich schon damals gefragt, wie man als Leistungsportler soviel abnehmen kann. Aber gut, Ümit Özat traute man etwas Übergewicht zu. Nach den Ereignissen vom Freitag abend sieht man die Aktion vermutlich nochmal in einem anderen Licht, aber fest steht, dass eine solche Aktion eine klares Statement ist. Der Mann gibt alles für den FC, er hat große Ziele und tut was er für richtig hält, um sie zu erreichen. Das ist von Söldnertum weit entfernt. Nicht nur die Szene mit Mondragon nach dem Schlusspfiff gegen Mainz, als sich beide mit Tränen in den Augen in den Armen lagen, versinnbildlicht das. Auch dass er, nachdem er in Karlsruhe wieder bei Bewusstsein war, sofort wieder auf den Platz wollte, spricht Bände. Ümit lebt Fußball und lebt den FC. Es ist nur folgerichtig, dass er auch Kapitän dieser Mannschaft ist. Er ist kämpferisches Vorbild, hat Führungsqualitäten und sehr schnell ausreichend deutsch gelernt. Und er ist sogar irgendwie ne coole Sau, mich hat schon von Beginn an beeindruckt, dass er noch angekotzter schauen kann, als ein gerade getunnelter Luís Figo. ;-)

Andererseits sollte man ihn natürlich nicht glorifizieren. Er hat weiter Schnelligkeitsdefizite. Außerdem kann ich mich – trotz seiner 1,86 Meter – an kein gewonnenes Kopfballduell erinnern. Und falls sein Zusammenbruch wirklich auf zu wenig zu Essen und Trinken zurückzuführen ist, so ist das tatsächlich sowas wie unprofessionelles Verhalten.

Und doch, niemand kann diesem Mann vorwerfen, er identifiziere sich nicht mit dem FC. Und allein dafür gebührt im große Anerkennung. Ümit Özat – Büyük Kaptan!


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