Eine Begegnung mit Besonderheiten

Ein Heimspiel gegen die Bayern ist eigentlich immer was besonderes. Ein HeimSIEG gegen die Bayern leider auch. Auch dieses Mal gingen unsere Mannen leer aus, obwohl wenn die Leistung über weite Strecken ganz gut war. Aber es fehlte das letzte bißchen Courage, der volle Mut, die Mannschaft hat doch ein wenig an sich gezweifelt. Sie hätte das Herz in die Hand nehmen müssen, dann wäre vielleicht was gegangen. Die Bayern waren ja nun wirklich nicht übermächtig. Schade, aber andererseits ist dem Team da kein Vorwurf zu machen, Selbstvertrauen ist schwierig zu befehlen. Mit dem ein oder anderen Sieg in den kommenden Wochen kommt das hoffentlich von alleine. Und die Leistung von Geromel war Weltklasse (obwohl Toni doppelt traf), “Dodo“, Petit und Marvin Matip waren ebenfalls bärenstark. Darauf lässt sich auf jeden Fall aufbauen. Wer sich nochmal bewegte Bilder ansehen will, kann das übrigens bei 101greatgoals.com tun.

Da sich auf dem Rasen also nicht viel Überraschendes tat, suchte sich das Publikum wohl andere Beschäftigung. Und fand sie - natürlich - in Bayern-Stürmer Lukas Podolski. Dieser wurde schon vor seiner Einwechslung minutenlang gefeiert, dann bereitete er das zweite Tor vor und erzielte das Dritte selbst. Und wieder jubelt das Kölner Publikum. Und als krönenden Abschluss macht es mit Poldi die Welle. DAS war auch was Besonderes. Es wirft spätestens im Rückblick aber einige Fragen auf, die Philipp Selldorf bei den 11 Freunden treffend formuliert: “Darf man einem Spieler der gegnerischen Mannschaft während der Partie so haltlos zujubeln? Selbst dann, wenn es ein Kölner in der Verkleidung eines Münchners ist?” Einige formulieren ihre Position dazu eindeutig und drastisch, wie beispielsweise Mirai Torres.

Aber halten wir doch erstmal fest, was dafür spricht: Poldi stammt aus der eigenen Jugend, hat elf Jahre für den FC gespielt. Er hat viele wichtige und schöne Tore geschossen und ging nach dem Abstieg 2004 - trotz zahlreicher anderer Optionen - mit dem FC in die zweite Liga. Er bekennt sich noch heute zum Verein und macht kein Geheimnis daraus, dass er sich vorstellen kann wieder zurückzukehren. Und selbst nach einem Tor gegen den FC feiert er nicht unnötig. Das ist wunderbar so. Poldi verhält sich vorbildlich und es ist daher eine Selbstverständlichkeit, dass er in Müngersdorf nicht ausgepfiffen, sondern freundlich empfangen wird.

Und doch trägt er das Trikot des FC Bayern, er ist aus freien Stücken dort hin gegangen. Er hätte auch beim FC bleiben können, hatte sogar noch Vertrag. Damit will ich nicht sagen, dass er hätte bleiben sollen. Sein Abschied war nach dem Abstieg 2006 vorhersehbar und seine Entscheidung für die Bayern völlig in Ordnung. Da ist ihm kein Vorwurf zu machen. Aber andererseits ist die Tatsache nicht zu ignorieren, dass er nun für den FC Bayern spielt. Und das ist nicht der 1. FC Köln. Ein Milivoje Novakovic spielt dagegen für den FC. Und der wundert und ärgert sich in meinen Augen zurecht über die Poldi-Show im Stadion, insbesondere nachdem dieser auch noch das 0:3 erzielt hatte.

Jeder von uns FC-Fans würde immer unterschreiben, dass der FC wichtiger ist, als das Schicksal einzelner Spieler. Sogar wichtiger als Overrath, Schuhmacher, Littbarski und erst recht wichtiger als Lukas Podolski, der bei allem Respekt für seine Leistungen nicht an den Status der vorgenannten heran kommt. Und wenn der FC wichtiger ist als einzele Spieler, dann muss ich die Spieler mit dem Geissbock auf der Brust feiern. Und nicht die mit dem Bayern-Wappen. Einen Lukas Podolski sollte man freundlich empfangen. Aber die Verherrlichung am letzten Samstag, das war nichts anderes als eine kollektive Peinlichkeit.

Ümit Özat - Büyük Kaptan!

Wer das Spiel in Karlsruhe gesehen hat, wird sich sicher lange daran erinnern. Nicht unbedingt an die Tore, die waren nicht sonderlich spektakulär. Und auch sonst war es kein großes Fußballspiel. Nein, es sind die Bilder des bewusstlosen Ümit, die haften bleiben werden. Auch wer die Szenen jetzt nochmal sieht kann sich dem wohl nicht ganz entziehen:

Ein Einschnitt wie dieser ist vielleicht eine passende Gelegenheit, die Person Ümit Özat und seine Rolle beim FC zu beleuchten.

Ümit Özat, geboren 1976 in Ankara, hat eine sportlich beeindruckende Vita hinter sich: Nach erfolgreichen Anfängen bei Gençlerbirligi Ankara, die ihn bis in die türkische Nationalelf trugen, gings über Bursaspor zu einem der drei istanbuler Topclubs - Fenerbahçe. Dort wurde er drei mal türkischer Meister, spielte 16 Spiele in der Champions League (plus vier in der CL-Quali) und erreichte mit der Nationalmannschaft den dritten Platz bei der WM 2002. Im Sommer 2007 kam dann der Wechsel zum FC, seine erste Auslandsstation.

Wer sich fragte, warum solch ein Hochkaräter beim FC landete (noch dazu in der 2. Liga), der kam schnell dahinter. Ümit präsentierte sich mit seinem knapp 31 Jahren nicht mehr richtig auf der Höhe. Zwar zeigte er eine enorme Ruhe am Ball, starke Pässe und viel Übersicht. Ganz zu schweigen von gefährlichen Standards. Doch seine Schnelligkeitsdefizite waren auch nicht zu übersehen. Ümit war weit von einer Champions League-Verfassung entfernt und Befürchtungen, dass hier einer im Herbst seiner Karriere nochmal abkassieren wollte, machten die Runde. Aber auch wenn Ümit langsam und irgendwie nicht wettbewerbsfähig wirkte, er hatte - kaum beachtet - in der letzten Saison die besten Zweikampfwerte  (+60%) der ganzen Mannschaft! Er war eine tragende Säule des Aufstiegsteams (9 Torvorlagen,  ebenfalls Topwert). Nach anfänglichen Zweifeln musste man anerkennen, dass er mit seiner Erfahrung und Übersicht die vorhandenen Schwächen ausreichend überspielen konnte. Und er hat sich immer reingehängt, kämpferische Defizite konnte man ihm nicht nachsagen.

Die letzten Zweifel hat er dann im Sommer 2008 ausgeräumt. Wer in der Saisonpause 6-8 Kilo abnimmt, der ist entweder todkrank oder arbeitet eisern an seinen Zielen. Ich habe mich schon damals gefragt, wie man als Leistungsportler soviel abnehmen kann. Aber gut, Ümit Özat traute man etwas Übergewicht zu. Nach den Ereignissen vom Freitag abend sieht man die Aktion vermutlich nochmal in einem anderen Licht, aber fest steht, dass eine solche Aktion eine klares Statement ist. Der Mann gibt alles für den FC, er hat große Ziele und tut was er für richtig hält, um sie zu erreichen. Das ist von Söldnertum weit entfernt. Nicht nur die Szene mit Mondragon nach dem Schlusspfiff gegen Mainz, als sich beide mit Tränen in den Augen in den Armen lagen, versinnbildlicht das. Auch dass er, nachdem er in Karlsruhe wieder bei Bewusstsein war, sofort wieder auf den Platz wollte, spricht Bände. Ümit lebt Fußball und lebt den FC. Es ist nur folgerichtig, dass er auch Kapitän dieser Mannschaft ist. Er ist kämpferisches Vorbild, hat Führungsqualitäten und sehr schnell ausreichend deutsch gelernt. Und er ist sogar irgendwie ne coole Sau, mich hat schon von Beginn an beeindruckt, dass er noch angekotzter schauen kann, als ein gerade getunnelter Luís Figo. ;-)

Andererseits sollte man ihn natürlich nicht glorifizieren. Er hat weiter Schnelligkeitsdefizite. Außerdem kann ich mich - trotz seiner 1,86 Meter - an kein gewonnenes Kopfballduell erinnern. Und falls sein Zusammenbruch wirklich auf zu wenig zu Essen und Trinken zurückzuführen ist, so ist das tatsächlich sowas wie unprofessionelles Verhalten.

Und doch, niemand kann diesem Mann vorwerfen, er identifiziere sich nicht mit dem FC. Und allein dafür gebührt im große Anerkennung. Ümit Özat - Büyük Kaptan!