Christoph Daum und die Türken
Ein Gastbeitrag von gspeppi
Seit einigen Tagen rumort es in der türkischen Presse, angeblich wird Christoph Daum von Fenerbahçe umworben. Haha, na klar, der Daum, von wegen, Köln bleibt schließlich erstklassig, Poldi kommt und überhaupt. Lassen wir den Quatsch also? Vielleicht sollte man dieses Thema aber doch nicht gleich als Märchen aus 1001 Nacht abtun. Fakt ist, dass Fenerbahçe eine peinliche Saison spielt. Man hat viel Geld für den spanischen Torschützenkönig Güiza ausgegeben sowie eine weitere Stange Geld für Luis Aragonés, den ehemaligen Nationaltrainer Spaniens hingelegt. Bisher hat Fener in dieser Saison sieben Niederlagen einstecken müssen und man kann im Verein wohl von Glück reden, dass alle Istanbuler Großclubs eine ähnlich unterirdische Serie hinter sich haben. Bezeichnenderweise ist das Highlight der Saison für Fener wohl, dass Galatasaray endlich aus dem UEFA-Cup ausgeschieden ist und somit die Gefahr gebannt ist, dass der ärgste Rivale das Finale im dann rot-gelb geschmückten Fenerbahçe-Stadion austragen darf.
Es gibt also durchaus Sehnsucht nach einer Person, die sowohl vom Namen als auch von seinen Fähigkeiten als Trainer vorzeigbar ist. Aber warum ausgerechnet immer wieder der Daum? International ist man zuletzt unter Trainer Zico erfolgreicher gewesen und Meisterschaften in der Liga (nicht im Pokal, den hat man seit 26 Jahren regelmäßig an Galatasaray abgeben müssen) sind normal für einen Verein mit den Ansprüchen von Fenerbahçe. Man kann sich durchaus die Frage stellen, worauf diese herzliche Beziehung zwischen Daum und „seinen Türken“ basiert, zwei Parteien, die zumindest hierzulande recht häufig mit einem gewissen Misstrauen beäugt werden. Als Christoph Daum das erste Mal in der Türkei ankam, war er gerade beim VFB Stuttgart entlassen worden. Sein Wechselfehler kostete die Schwaben damals den Einzug in die Champions League. Noch weiter unten angelangt war Daum bei seiner zweiten Kur in der Türkei, mit dem Ruf des koksenden, lügenden Möchtegern-Nationaltrainers hatte er auf Jahre seinen Stammplatz bei den Witzeschreibern der Nation sicher.
Unabhängig von all den üblichen Qualitäten, die Profis im Fußballgeschäft mitbringen sollten, ist der Grund für die Besonderheit gerade dieser Beziehung eigentlich offensichtlich: Daum ist ziemlich bekloppt. Die Türken sind ordentlich bekloppt. Man kennt sich und vor allem mag man sich. Daum hat verstanden, wie die Uhren in der Türkei ticken und konnte es zudem auch noch gut leiden. Wer nach in der Türkei vergötterten Personen sucht, trifft auf gebrochene, gescheiterte oder zumindest ein bisschen wahnsinnige Persönlichkeiten. Toni Schumacher, der sich in Deutschland nach der Veröffentlichung seines Buches eine Weile nicht mehr blicken lassen konnte, Jupp Derwall, der vom Kaiser aus dem Amt geputscht das Land verlassen musste, Gheorghe Hagi, der als ewiges Talent bei Barcelona ausgemustert wurde. Wer die „Herausforderung Türkei“ ernsthaft annahm und sich auf die Menschen zubewegte, dem kam man mit drei Schritten entgegen. In der Türkei wurden diese „Aussätzigen“ nicht nur als Gastarbeiter angenommen, sondern durften sogar auf den Arm und bekamen die dringend benötigte Seelenmassage. Christoph Daum kam also auch nicht als Entwicklungshelfer, als Kolonialherr, als deutscher Missionar der mit erigiertem Zeigefinger wedelnd den Wilden teutonische Leitkultur einbimsen wollte, wie ein Werner Lorant. Er stand den immer im Übermaß sprudelnden türkischen Emotionen auch nicht kühl und distanziert gegenüber wie ein Jörg Berger. Man sah den Deutschen mit den Türken schimpfen und feiern, schreien und Wangenküsschen verteilen, Ayran trinken und türkisch radebrechen.
Man muss zumindest ein wenig die Klaviatur der Emotionen beherrschen, um in der Türkei erfolgreich sein zu können und auch von der Mentalität der Menschen zu profitieren. Im Umkehrschluss kann man sich so auch erklären, warum es für Enke, Skibbe, Berger oder Löw eine weniger erquickliche Zeit gewesen sein mag – dann wenn zu viele Gefühlswallungen einfach erdrückend sein können. Die Ankündigung von Christoph Daum, die türkische Staatsangehörigkeit annehmen zu wollen, darf dabei weniger als handfestes Vorhaben, denn als Geste betrachtet werden. Aber unmöglich – nein unmöglich wäre es wirklich nicht. Unmöglich wäre auch ein erneuter Wechsel in die Türkei wohl nicht. Vielleicht ist die ganze Beziehung zwischen Christoph Daum und „den Türken“ ein bisschen wie Teenagerliebe. Aufregend, gefühlsbetont, mit Höhen und Tiefen, ein bisschen verschwitzt und vor allem eines – manchmal ein bisschen irrational.
Dies war ein Gastbeitrag von gspeppi – herzlichen Dank!







