Wie ein Zweitligist im Pokal

“Ein Punkt gegen Bielefeld – das ist zu wenig!” Solche Sprüche waren gestern und heute des öfteren zu lesen und hören. Aber stimmt das auch? War das wirklich zu wenig? Oder sind vielmehr nur die Ansprüche nach einem überraschenden Sieg in München zu hoch gestiegen?

Lässt man das Spiel nochmal Revue passieren, dann war da sicher mehr drin. Das sahen auch die Spieler in ihren Statements nach dem Schlusspfiff so. Fraglos, Köln war das bessere Team, kontrollierte über weite Strecken Ball und Gegner. Bielefeld hatte genau eine Chance im ganzen Spiel, ein Kopfball von Wichniarek, und der war nicht drin. Der FC hätte schon zur Halbzeit eine deutliche Führung verdient gehabt. Aber dann kam leider der Aussetzer von Brecko.

Abstrahiert man aber etwas vom Spielgeschehen selber, dann ist der Punkt ein gewonnener Punkt. Dann macht einem das Spiel von gestern sogar Mut. Denn man hat einen direkten Konkurrenten um den Klassenerhalt auf Distanz gehalten. Mit nun 29 Punkten liegt man ganz klar auf Kurs, hat in der Rückserie sogar schon drei Punkte mehr gesammelt, als in der Hinrunde gegen die selben Gegner. Man ist seit sechs Spielen ungeschlagen und so langsam fällt es schwer sich vorzustellen, dass der FC nochmal richtig unten reinrutscht. Die von Christoph Daum ausgegebene “Eichhörnchen-Taktik” funktioniert und ist angesichts der Tatsache, dass nach oben eh nix mehr geht (es gibt keinen UI-Cup mehr!), genau richtig. Und man darf auch nicht vergessen, welchen Weg der FC in den letzten zwei Jahren gegangen ist: Im Februar 2007 ging das Team nämlich noch 0:5(!) bei Rot-Weiss Essen(!) unter. Dagegen herrschen jetzt paradiesische Zustände. Da kann man auch mal einen Klopper wie den gestrigen von Miso Brecko wegstecken, zumal der bisher ja eine sehr solide Runde spielt.

Und noch was macht Mut: Der FC hat gestern wie selbstverständlich die Initiative übernommen. Und in der ersten Halbzeit auch kein schlechtes Spiel aufgezogen. Klar, das Ergebnis ist nicht optimal. Aber da zuletzt oft behauptet wurde, der FC tue sich schwer, wenn er das Spiel machen müsse, gilt es das Spiel gestern positiv zu werten. Wie twitterte HerrWieland von Königsblog gestern: “Wenn Bielefeld beim Aufsteiger Köln wie ein Zweitligist im Pokal agiert, sollte das die FC-Fans beruhigen können”. Drei Punkte hätten mehr beruhgt. Aber recht hat er trotzdem.

Das perfekte Auswärtsspiel

Bei den Bayern sah der FC in den letzten Duellen immer ganz gut aus. Dass es gestern aber zum großen Wurf gereicht hat, damit war wirklich nicht zu rechnen. Schließlich trat ein (wenn auch wackerer) Aufsteiger bei einem CL-Achtelfinalisten an. Und doch, gestern passte einfach alles, ein perfektes Auswärtsspiel:

1. Der FC hatte Glück mit dem Schiedsrichter. Her Rafati, sonst kein schlechter seiner Zunft, erkannte das 1:0 durch Klose nicht an. Puuh.

2. Christoph Daum schickte den 20jährigen Daniel Brosinksi zu seinem Bundesliga-Debüt auf das Feld. Bisher stand der genau zweimal im Kader. Eine verwegene Idee und dann macht der Junge so ein Spiel und trifft sogar zum wichtigen 0:2. Ein absoluter Traum.

3. Spieler, mit denen man lange Zeit nicht richtig warm wurde, spielen plötzlich ihre Stärken aus. Von Fabrice “DJ” Ehret ist man das seit einiger Zeit gewohnt, trotzdem unnachahmlich, wie er Demichelis vor dem 0:1 einfach stehen lässt. Und Nemanja Vucicevic, ständig zwischen Weltklasse und Kreisklasse changierend, aber eigentlich stets ineffektiv, spielt plötzlich öffnende Pässe und bringt nach seinen Dribblings den Ball zum Mitspieler. Hut ab.

4. Die Mannschaft hat sich zerrissen. Man konnte förmlich spüren, wie die Mannschaft Schmerzen litt. Brosinski ging völlig ausgepumpt vom Feld und über McKenna muss man eigentlich kein Wort mehr verlieren. Wurde von Klose richtig böse am ohnehin lädierten Knöchel erwischt… und kam trotzdem zurück aufs Feld und warf sich in jeden Ball.

5. Unglaublicher Support, wirklich ein “Heimspiel in München”. Die Leistung auf der Tribüne war genauso stark wie die auf dem Feld.

6. Und das alles an Karneval. Ein besseren Zeitpunkt für so einen Sieg gibt es nicht.

Etwas Glück, etwas Mut, etwas Können, etwas Aufopferung. Mehr brauchte es nicht für einen großartigen Nachmittag. Danke, Jungs!

Marvin Matip – Hopp oder top?

Über kaum einen Spieler gehen die Meinungen der FC-Fans so weit auseinander, wie im Fall von Marvin Matip. Die Einen wünschen ihn so schnell wie möglich zum Teufel und wollen noch nie einen so schlechten FC-Spieler gesehen haben. Und die Anderen halten ihn für einen jungen und entwicklungsfähigen, vielseitigen und zuverlässigen Defensivspieler. Ein kurzer Blick auf das FC-Brett genügt, um das Ausmaß der Kontroverse zu erfassen. Dies und die Tatsache, dass sein Vertrag im Sommer ausläuft, sind Grund genug sich den Fall mal genauer anzusehen und dann in der gebotenen Sachlichkeit Position zu beziehen.

Matip fand den Weg zum FC, nachdem er in Bochum bei Trainer Neururer in Ungnade gefallen war. Dieser nahm ihm übel, dass er ein Angebot zur Vertragsverlängerung abgelehnt hatte und kanzelte ihn schließlich nach nur einem Bundesligaspiel für den VfL intern wie auch öffentlich ab. Matip stand als aktueller U21-Nationalspieler bei einigen Vereinen auf dem Zettel, nicht zuletzt beim HSV, unterschrieb aber letztlich beim FC. Ein gefeierter Transfer, war das Talent doch ablösefrei und schien mit Lukas Sinkewicz, seinem Partner auch in der U21, das Innenverteidiger-Duo der Zukunft bilden zu können.

Unter Uwe Rapolder begann er auch als Innenverteidiger, wurde aber auch im defensiven Mittelfeld aufgestellt. Rapolders Nachfolger Latour setzte ihn schließlich regelmäßig als “Sechser” ein. Einen Stammplatz in der Innenverteidigung konnte er sich nie erarbeiten, regelmäßige Einsatzzeiten auf allen Defensivpositionen dagegen schon. Matip spielt derzeit schon seine vierte Saison für den FC und hat in jeder hat 50% und 70% der Spiele absolviert. Er gehört damit also seit geraumer Zeit mindestens zum erweiterten Stamm und das unabhängig vom Trainer. Von seinen Kollegen des 1. Spieltages der Saison 2005/6 (1:0 gegen Mainz) spielt heute niemand mehr beim FC (Mattes Scherz saß 90 Minuten auf der Bank). Ob Rapolder, Latour oder Daum, keiner ließ Matip länger als maximal sechs Spiele außen vor, dann kehrte er immer für längere Zeit zurück. In der Rückrunde der letzten (Aufstiegs)saison kam Matip 14 Mal zum Einsatz und hatte wesentlichen Anteil an den disziplinierten Auftritten der Mannschaft.

Sein Bilanz entspricht jetzt nicht der steilen Karriere eine Lukas P. (60 Länderspiele), gleichwohl sind 76 Profieinsätze für einen 23jährigen auch nicht zu verachten. Er verfügt also bereits über eine gewisse Erfahrung und ist defensiv auf allen Positionen zu hause. Zu seinen Stärken gehört sicher das Defensivverhalten insgesamt, sein Stellungsspiel ist stark, sein Kopfballspiel brauchbar. Er ist kein reiner Klopper wie weiland Thomas Cichon sondern verfügt über eine ordentliche Technik. Dem gegenüber sind auch Schwächen zu verzeichnen, wie vor allem seine verbesserungsfähige Dynamik und das Offensivverhalten. Sein Spieleröffnung ist ganz passabel, richtig Druck über die Flügel entfaltet er aber nicht, seine Flanken sind harmlos. Zudem ist er immer gut für einen Bock, wobei ich behaupten würde, dass das bei ihm nicht öfter vorkommt, als bei anderen. Nur hatte er eben das Pech, dass daraus auch schon bittere Gegentore resultierten, wie z.B. beim 0:1 in Freiburg in der letzten Saison. Torgefahr geht ihm völlig ab, kein Vergleich zu einem Dodo, Matip hat bisher ein kümmerliches Tor zu Buche stehen.

Er ist also fraglos kein kommender Weltstar, verfügt aber über seine Qualitäten. Letztlich ist er vor allem deshalb so umstritten, weil sich die Leute an Fehler wie gegen Freiburg erinnern. Hätte er etwas mehr Glück gehabt und wären die Situationen glimpflich ausgegangen, dann hätte Marvin weiterhin einen guten Ruf und stünde nicht so sehr in der Kritik. Dummerweise haftet ihm nun das Image als Gefahrenherd und Tölpel an, an das sich die Leute bei jeder nicht 100% gelungenen Aktion erinnern. Selbst gute Aktionen werden ihm nun bisweilen negativ ausgelegt, wie jüngst gegen Frankfurt: Da eroberte er kurz vor Schluss am gegnerischen Strafraum denn Ball, legte mustergültig und mit viel Übersicht quer zu Ishiaku, der den Ball am leeren Tor vorbei schob. Die Reaktionen auf diese Szene sagen sehr viel aus: Matip wurde nämlich dafür kritisiert, dass er nicht selber den Abschluss gesucht hatte, es sei ein weiterer Beweis für seine Unfähigkeit. Ein unfassbar unfaires Urteil! Was kann er dafür, dass Ishiaku das Ding nicht macht? Hätte Ishiaku den Ball versenkt, dann wäre dieser für das Tor gefeiert worden und über Matip hätte niemand ein Wort verloren. Wie es ähnlich beim 2:1 in Bochum passierte, als Ishiaku traf und umjubelt wurde, der Ruhm aber eigentlich Ehret gebührte.

Letztlich kann Marvin Matip also machen was er will, seine Leistungen werden von zahlreichen FC-Fans immer schlecht geredet oder bestenfalls ignoriert (wenn er fehlerlos war). Aus dieser Position heraus zu kommen ist nicht unmöglich, wie Mattes Scherz und Novakovic bewiesen haben. Aber diese konnten mit Toren auf sich aufmerksam machen, ob einem Defensivspieler eine ähnliche Entwicklung gelingen kann, sei dahingestellt. Außerdem ist der linke Verteidigerposten, der ihm derzeit überantwortet ist, sicher nicht seine Idealposition. Seine besten Spiele hat er in der defensiven Mittelfeldposition absolviert und dort ist er auch weiterhin einer starke Alternative, wenn ein Kevin Pezzoni mal in eine Formkrise gerät. Und selbst wenn nicht ist er dort sicher nicht chancenlos.

Alle Kritiker sollten versuchen seine Leistungen sachlich zu beurteilen. Natürlich macht er Fehler. Niemand ist davon frei. Aber seine zahlreichen Stärken sollte man ebenfalls sehen. Und entsprechend würdigen. Die notwendigen Fähigkeiten, um ein Bundesliga-Stammspieler zu werden, besitzt Marvin Matip zweifellos. Und daher steht für mich außer Frage, dass man seinen Vertrag unbedingt verlängern sollte. Der FC braucht auch in Zukunft einen Marvin Matip. Erst recht wenn dieser einen weiteren Entwicklungsschritt gehen sollte. Und das ist ihm derzeit weit eher zuzutrauen, als einem Adil Chihi (über den hier vielleicht ein anderes Mal verhandelt wird).

Schweizer Trainer

Ok, einen Matchwinner zu benennen verbietet sich, wenn man nur 2:2 gespielt hat. Aber wie das Spiel in Frankfurt ohne Stümer Milivoje Novakovic ausgegangen wäre, möchte man als FC-Fan gar nicht wissen. Mit seinem Doppelpack rettete er zumindest einen Punkt und unterstrich, dass er einer der Top-Stürmer der Bundesliga ist. Zehn Tore hat er jetzt schon mehr geschossen als seine treffsichersten Mitspieler (Radu und Petit, jeweils zwei Treffer). Er ist – neben Geromel – die große Nichtabstiegsversicherung des FC. Sollte am kommenden Wochenende Karlsruhe bezwungen werden, kann man vor allem dank ihm beruhigt für die kommende Saison planen.

Auch wenn Novas Start in Köln nur mäßig war, der Mann ist ein Phänomen und mittlerweile weiß jeder, warum der damalige Trainer Hans-Peter Latour ihn unbedingt haben wollte. „Ich will die Stärken von Matthias Scherz nicht abwerten, er ist sehr schnell und stark im Strafraum. Aber die Spielstärke von Novakovic hat er auf diese Weise nicht.“ Das waren seine Worte zur Neuverpflichtung Novakovic. Auch wenn Latours Amtszeit unter einem unglücklichen Stern stand, mal abgesehen vom grandiosen Pokalsieg gegen Schalke, für diesen Transfer muss man ihm verdammt dankbar sein. Wie auch seinem Vorgänger Marcel Koller, der dem A-Jugendlichen Lukas Podolski entdeckte und ins Team beförderte. Alles falsch war an den beiden wohl nicht, jedenfalls für Top-Stürmer scheinen Schweizer Trainer ein Auge zu haben. Auch Lucien Favre macht in Berlin ja grad keinen schlechten Job, auch wenn er mit Pantelic nicht klar kommt. Was vielleicht die Ausnahme der Regel ist.

Fest steht jedenfalls: Wenn in der kommenden Saison Nova und Poldi die erste FC-Reihe bilden, dann ist das ein Verdienst unserer schweizer Trainer. Danke dafür!

(Un)haltbar?

Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen. Aber es überlebt. Ganz ähnlich geht es in diesem Winter dem FC, der gestern mal wieder eine 1:0-Führung verspielte, andererseits aber den Abstand zu den Abstiegsplätzen um einen weiteren Zähler auf nun ganze zehn vergrößern konnte. Und angesichts der vielen Ausfälle muss und kann man damit hoch zufrieden sein.

Diskussionwürdig erscheint der Kölner Presse wohl – abgesehen von den desaströsen Platzverhältnissen – vor allem das Gegentor durch Grafite. Der Express gibt Mondragon die Schuld: “Doch dann tapste er doch zu spät in die Ecke und setzte sich die Pappnase auf… Grafites Aufsetzer zum Ausgleich war haltbar.” Und auch der Kölner Stadtanzeiger stimmt mit ein: “Der Ball war haltbar, Kölns Torhüter Faryd Mondragon schaffte das aber nicht, was nicht für ihn spricht.” Man kann den Eindruck bekomen, dass mit einem wirklich guten Keeper auch drei Punkte drin gewesen wären.

Interessant ist allerdings, dass die eher neutrale Berichterstattung des Kicker folgendes festhält: “Torwart Mondragon und etwas Glück hielten die Kölner aber im Spiel und stellten schließlich das Unentschieden sicher. (…) Nach einem Einwurf kam der Ball über Okubo zu Grafite. Der ließ den angeschlagenen Ehret locker aussteigen und zog aus über 20 Metern ab. Unhaltbar schlug das Leder unten links im Kölner Tor ein.” Offensichtlich liegt der Fall also nicht so eindeutig. Und wenn man sich die Szene genau anschaut wird man feststellen, dass Mondragon den Ball erst spät kommen sieht, Pezzoni verdeckt den Schuss. Von einen Patzer zu sprechen tut der Nummer 1 beim FC also unrecht. Zugegeben, man hat bei der Aktion das Gefühl, dass ein René Adler vielleicht noch die Finger an den Ball bekommen hätte. Aber ein Torwartfehler war das nicht und in der Gesamtschau des Spiels hat Mondy zahlreiche starke Aktionen gehabt, die seine Bundesligatauglichkeit beweisen.

Bleibt die Frage, warum sich Express und KSTA so auf Mondragon einschießen. Eine Vermutung liegt auf der Hand: Mondragon ist 37 und damit stellt sich natürlich absehbar die Frage der Nachfolge. Und darüber lässt sich herrlich spekulieren, bis zum Sommer ist wunderbar Auflage mit Torwart-Diskussionen machen. Und das um so besser, wenn Mondragon nicht unumstritten ist. Und dafür lässt sich ja sorgen. Es sollte sich bei der Bewertung von Mondragon also besser jeder auf seine eigenen Eindrücke verlassen. Aber das ist ja eh immer das Beste.

Nachtrag (2.2. – 14:52 Uhr): Der Kicker hat sich korrigiert und schreibt nun: “Nach einem Einwurf kam der Ball über Okubo zu Grafite. Der ließ den angeschlagenen Ehret locker aussteigen und zog aus über 20 Metern ab. Das Leder schlug unten links im Kölner Tor ein, Monragon reagierte in dieser Situation einen Tick zu spät.” Das kann man so sehen. Ein Mondragon-Bashing ist aber dennoch fehl am Platze.


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